November 16, 2011
Drucken 
Kinokritiken

Der Fall Chodorkowski

Milliardär hinter Gittern

Der Fall Chodorkowski

Der Fall Chodorkowski

Zum Schluss kann der Regisseur die Frage doch noch persönlich stellen, die ihn von Anfang an besonders bewegte: Ging Michail Chodorkowski, der reichste Mann Russlands, am Ende gar freiwillig in den sibirischen Knast? Und falls ja, warum? In seiner Dokumentation „Der Fall Chodorkowski“ begibt sich Filmemacher Cyril Tuschi („Sommerhundesöhne“) auf die Spuren einer schillernden Persönlichkeit.

 

Er solle dieses heiße Eisen besser nicht anfassen, riet man dem Filmemacher im Vorfeld dringend. Wenn schon Russland, dann vielleicht ein schöner Streifen über die Natur? Dieses Mauern hat Tuschi wohl nur noch neugieriger gemacht, denn der Regisseur scheut nie die Gefahr, selbst ins Fadenkreuz undurchsichtiger Machtstrukturen zu geraten, denen ein Menschenleben rein gar nichts bedeutet.

Er sei schon immer strebsam gewesen, Chodorkowski, der Student der Chemie, mit dem man nicht gut Party feiern konnte. Der Fan des sozialistisch-realistischen Romans „Wie der Stahl gehärtet wurde“ gründet die erste private Bank Russlands und lernt als Autodidakt von Finanzexperten des ehemaligen Klassenfeindes. Später erwirbt Chodorkowski unter günstigen Umständen den Erdölkonzern Jukos und sieht sich bald auf Augenhöhe mit den Chefs kapitalistischer Öl-Multis. Auch auf der politischen Ebene fühlt sich der Oligarch zunehmend mächtig – ein Trugschluss. Offen kritisiert Chodorkowski Präsident Putin und unterstützt die Opposition. Als im Oktober 2003 die Handschellen klicken, ist es eine Festnahme mit Ansage. Warum aber hat sich der Milliardär nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht, wie so viele Weggefährten?                

Ab und an rückt sich Cyril Tuschi selbst ins Bild, dann befürchtet man für einen kurzen Augenblick, der Regisseur kehre jetzt den Michael Moore heraus. Tatsächlich wirken die entsprechenden Szenen im sonst so sachlichen Film etwas inhomogen. Auch der inszenierte Beginn passt nicht recht zu einer Geschichte, die das Wirtschaftsleben schrieb und die sich kein Drehbuchautor spannender hätte ausdenken können. Aber die kritisierten Abschnitte dauern nur Sekunden. Als wirkungsvolles Stilmittel hingegen erweisen sich kunstvoll animierten Sequenzen, die immer dann aufhelfen, wenn das Bildmaterial fehlt. Tuschi entwirft das Bild einer in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Karriere vor dem Hintergrund des postsozialistischen Russland. Er vermeidet es, ein Urteil zu sprechen und überlässt die Bewertung der Faktenlage weitestgehend dem Zuschauer. Ungeschoren kommt niemand davon.             


Anspruch: 3
Spannung: 2
Action: 2
Humor: 0
Erotik: 0



von André Wesche
in Verleih von Farbfilm Verleih
Bundesstart: 16.11.2011


Bookmark and Share

Kinoartikelsuche