Dezember 7, 2011
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Kinokritiken

Die Filmwelt spielt „Bäumchen wechsel Dich“

Das Kinojahr 2011 – Ein Rückblick

Filmrolle

Filmrolle

Etliche Filmschaffende strebten anno 2011 nach Veränderung. Sie verließen ausgetretene Pfade und stellten sich ganz neuen Aufgaben. In wirtschaftlich ungewissen Zeiten, in denen die meisten großen Studios nur noch auf Bewährtes setzen, muss man diesen Mut zum Risiko honorieren, auch wenn er sich im Einzelfall nicht ausgezahlt haben sollte.



Lars von Triers Geschwätz beim Filmfestival von Cannes war freilich nicht mutig, sondern unbedarft. Das Spiel mit Provokationen und Skandalen hat der dänische Regisseur längst nicht mehr nötig. In seinem aktuellen Werk „Melancholia“, eben erst Gewinner des Europäischen Filmpreises, ließ von Trier ästhetisch schön die Welt untergehen. Das ist eigentlich der Job von Roland Emmerich. Der Schwabe jedoch überraschte mit einem historischen Drama zum Thema Shakespeare. „Anonymus“ ging der Frage nach, ob der gefeierte Mann aus Stratford tatsächlich der Verfasser der Meisterwerke war. Emmerich, der Macher von Filmen wie „Independence Day“ oder „Stargate“, bezeichnete die Erfahrung als Befreiungsschlag. Von nun an will er öfter ernst machen.



Gore Verbinski, der kluge Kopf hinter den ersten drei „Fluch der Karibik“-Streifen, hatte genug von zerfetzten Segeln und modernden Planken. Erstmalig wandte sich der 47-jährige dem Trickfilm zu. Sein grandioser, computeranimierter Western „Rango“ gehört zweifellos zu den besten Produktionen des Jahres. Das Ruder der Piraten-Franchise hingegen übernahm ein Filmemacher, den man bislang eher mit Musical-Verfilmungen in Verbindung brachte. Rob Marshall („Chicago“, „Nine“) segelte mit „Fluch der Karibik 4“ zum finanziellen Erfolg. Auch „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 2“ war eine sichere Nummer, der Streifen brachte die Saga mit Anstand zu Ende. Hoffentlich gelingt selbiges im nächsten Jahr auch der „Twilight“-Reihe. „Breaking Dawn – Teil 1“ bewies jedenfalls, dass auch ein sehr spannungsarmer Film viel Geld einspielen kann. Catherine Hardwicke hingegen, Regisseurin des ersten Teils, läutete mit der Rotkäppchen-Variante „Red Riding Hood“ ein Grimm-Revival ein, das sich im nächsten Jahr fortsetzen wird.



Brad Bird schließlich hat auf dem Gebiet des Animationsfilms schon alles erreicht, seine Filme „Die Unglaublichen – The Incredibles“ und „Ratatouille“ räumten Oscars ab. Nun drehte das „Simpsons“-Urgestein mit echten Menschen den potentiellen Action-Blockbuster „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“.


Diverse Schauspieler wechselten wieder hinter die Kamera. Von Clint Eastwood („Hereafter“) und Robert Redford (“Die Lincoln-Verschwörung”) ist man solches natürlich längst gewohnt. Auch George Clooney hat sich als Filmemacher bereits einen guten Ruf erarbeitet, den er mit dem Politthriller „Die Iden des März“ weiter untermauern kann. Tom Hanks hingegen lieferte mit der Tragikomödie „Larry Crown“ erst seinen zweiten eigenen Kinofilm ab, Jodie Foster schafft mit dem Familiendrama „Der Biber“ zwanzig Jahre nach „Das Wunderkind Tate“ immerhin den Hattrick. Das Regiedebüt der Drew Barrymore, die zauberhafte Coming-Of-Age-Geschichte „Roller Girl“, fand mit einiger Verspätung den Weg ins deutsche Kino. Und auch Charaktermime Philip Seymour Hoffman nahm Platz auf dem Chefsessel, er inszenierte die bittersüße Romanze „Jack in Love“.



Bei Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, „Abbitte“) blieben die historischen Kostüme diesmal im Fundus. Mit „Wer ist Hanna?“ inszenierte der Brite einen furiosen Action-Thriller. Der Kanadier David Cronenberg hingegen, der es zuletzt in „Eastern Promisses“ und „A History Of Violence“ so richtig hatte krachen lassen, ließ es in „Eine dunkle Begierde“, einer Geschichte der Psychoanalyse, äußerst gemächlich angehen.



Filme wie „TRON“, „Conan“ oder „Footloose“ verbeugten sich mehr oder minder tief vor den 1980-er Jahren. Aber nur J.J. Abrams gelang die Reminiszenz wirklich. Sein Film „Super 8“ erinnerte nicht von ungefähr an die frühen Familienfilme des Steven Spielberg. Spielberg selbst erfüllte sich mit dem Animationsstreifen „Tim und Struppi“ einen Jugendtraum, der in 3D ins Kino kam. Der ganz große Ansturm auf das Kino in drei Dimensionen blieb allerdings aus, auch wenn 2011 deutlich mehr Filme in diesem Format angeboten wurden. Im waschechten „Retrolook“ kamen die Comic-Verfilmungen „X-Men – Erste Entscheidung“ und „Captain America“ daher, eine wohltuende Abwechslung zu vergleichbaren Spektakeln aus dieser Fraktion. Comic-Held „Thor“ zeigte sich angenehm selbstironisch und schürte die Lust auf das Abenteuer der „Avengers“, das im nächsten Jahr Iron Man, Hulk, Thor & Co. in einem Film vereinen wird.


Viele Filmemacher mit Kultstatus legten große Werke vor, Darren Aronofsky präsentierte Natalie Portman als „Black Swan“, Terrence Malick analysierte in „The Tree of Life“ das Dasein und Woody Allen wagte in „Midnight in Paris“ den Zeitsprung. Die Coen-Brüder bereicherten das Western-Genre um das großartige Remake „True Grit“ und Roman Polanski gab sich im grandios gespielten „Gott des Gemetzels“ ungewohnt minimalistisch. Die deutschen Altmeister Wim Wenders und Werner Herzog entdeckten  3D für sich. Wenders´ Hommage an Tanztheater-Legende „PINA“ Bausch darf sich Oscar-Hoffnungen machen, aber auch Herzogs Ausflug in die „Höhle der vergessenen Träume“ überzeugte.  



Herzhaft gelacht werden durfte in der Hollywoodkomödie „Brautalarm“, in der kultverdächtigen Splatter-Veräppelung „Tucker and Dale vs. Evil“ oder im deutschen Juwel „Ein Tick anders“, einem Film, in dem mit, aber nicht über Tourette-Syndrom-Patienten geprustet wurde. Einfallslose Fortsetzungen wie „Hangover 2“ rangen freilich kaum jemandem ein Schmunzeln ab. Bitte beim nächsten Mal stecken lassen.      

                   

Der Anfang ist gemacht. Bleibt zu hoffen, dass im Kino auch im neuen Jahr wieder viel Neues ausprobiert und reichlich experimentiert wird, auch wenn es manchmal in die Hose geht. Stillstand ist der Tod, singt Herbert Grönemeyer. Für das Filmgeschäft gilt das ganz besonders.   



von André Wesche
in Verleih von Alle
Bundesstart: 07.12.2011


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