
Als Regisseur von Filmen wie „Der Schuh des Manitu“ oder „Wickie und die starken Männer“ sorgte Michael Bully Herbig für volle Kinosäle. Nun beschreitet der 43–jährige Komödiant ungewöhnlich ernste Pfade. In Leander Haußmanns Werk „Hotel Lux“ spielt Herbig den Entertainer Hans Zeisig, der Ende der 1930-er Jahre aus Nazi-Deutschland fliehen muss. Es verschlägt ihn ins berüchtigte Moskauer Hotel Lux, in dem Stalins Paranoia unzählige Opfer fordert. Auch Zeisig gerät in akute Lebensgefahr. Wir sprachen mit Bully über seine neue Rolle, die Abkehr von der Parodie und die Arbeit am Helmut-Dietl-Film „Zettl“.
Herr Herbig, um ein Zitat aus dem Film aufzugreifen: Ist „Hotel Lux“ für Sie der erste Schritt weg vom „harmlosen Clown“?
Ich habe nicht nach diesem Film geschrien, das sage ich ganz ehrlich. Ich habe sogar den Versuch unternommen, abzusagen, aber das hat Herr Rohrbach (Anm.: der Produzent) nicht akzeptiert. Insofern sind keine Ambitionen zu befürchten. Prinzipiell mache ich Dinge, die mich selbst interessieren. „Hotel Lux“ ist, wenn man so möchte, eine Verwechslungsgeschichte mit einem Hauch von Abenteuer – wenn man so will, eine ernste Komödie. Im Laufe der Produktion habe ich natürlich auch Fragen gestellt. Warum wurden die Menschen aus dem Hotel abgeholt? Es war absurd, es konnte einfach jeden treffen. Vielleicht hatte nur ein Zimmernachbar behauptet, du bist Trotzkist. Das Denunzieren gehörte zum Alltag. Von all diesen Dingen wusste ich nichts.
Wie haben Sie sich stattdessen vorbereitet?
Man hat mich ordentlich mit Informationsmaterial versorgt, aber eigentlich wollte ich gar nicht so viel wissen. Hans Zeisig weiß es ja auch nicht. Ich habe mich lieber auf die Humoristen dieser Zeit konzentriert. Ich habe mir Tondokumente, z.B. von Werner Finck, besorgt und alte Filme angeschaut. Dabei ist mir immer wieder aufgefallen, wie die Schauspieler jener Zeit gesprochen haben. Das rollende „R“ war damals stark vertreten. Eigentlich hätte der Zeisig auch so sprechen müssen. Aber das hätte dann wieder zu sehr nach Parodie geklungen.
Der Film bietet Ihnen die Möglichkeit, auch ernste Facetten zu zeigen.
Wenn man als Komiker einen Komiker spielen darf, ist das natürlich ein Glücksfall. Die Rolle kommt mir sehr entgegen. Ein Humorist aus den 1930-ern, der durchs Leben tingelt, versucht sein Talent einzusetzen, um die eigene Haut zu retten. Das ist eine Sache, die ich nachvollziehen kann. Und das habe ich mich dann auch getraut.
Gab es Momente der Selbstzweifel?
Nee, als die Entscheidung getroffen war, wollte ich das auch durchziehen. Natürlich hat man immer wieder mal Zweifel, gerade bei einem Stoff wie diesem. Die Debatten, die man jetzt über den Film führt, hatten wir ja auch. Die Diskussionen zwischen Haußmann und Rohrbach, bei denen ich anwesend war, waren fast schon Filmstoff. Ich war immer die Spaßbremse, die irgendwann dazwischen grätschte und sagte, passt auf, dass wir nicht irgendwann eine Gebrauchsanweisung für den Film brauchen. Mit Namen wie Ulbricht, Pieck und Wehner können die meisten vielleicht noch etwas anfangen, aber bei Jeschow und Dimitrow wird’s langsam schwierig. Da mussten wir schon gucken, dass die Geschichte für ein breites Publikum verständlich bleibt. Wenn man Figuren nicht versteht und der Story nicht folgen kann, bringt das keinem etwas. Ich würde nicht von Selbstzweifeln reden, aber ab und zu habe ich mir schon gedacht, hoffentlich hauen sie dir das nicht eines Tages um die Ohren. Das bringt so ein Stoff eben mit sich.
Haben Sie sich gefragt, ob Sie in der Diktatur den Mund aufgemacht hätten?
Wenn man hier so gemütlich sitzt, sagen sich solche Dinge immer ganz leicht dahin. Ich traue mich nicht, das zu beantworten. Ich befürchte aber, dass mir zwischendurch schon etwas rausgerutscht wäre. Wenn man Unterhalter ist, kann man einen guten Gag schlecht für sich behalten. Aber wer kann schon sagen, wie man in Extremsituationen reagieren wird? Steigt man auf der Autobahn in ein brennendes Auto, um die Leute rauszuholen, oder nicht? Heute ist es völlig selbstverständlich, dass du als Komiker auf die Bühne gehen und Witze über die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten machen kannst, ohne abgeholt und umgebracht zu werden. Das war damals ganz anders, es war lebensgefährlich. Und anderswo ist es heute noch so. Oder nehmen wir unseren Darsteller des Stalin. Ich glaube nicht, dass das in Russland alle komisch finden. Es war eine mutige Entscheidung vom ihm, die Rolle zu übernehmen.
Sind Sie ein politischer Mensch?
Ich glaube, dass jeder, der eine Meinung oder eine Haltung zu Dingen hat, irgendwie politisch ist. Die meisten wissen vermutlich gar nicht, dass sie politisch sind. Zeisig wird auch erst politisch, als er nicht mehr anders kann. Er geht auf die Bühne und weiß, dass ihn dieser Gag sein Leben kosten kann. Aber es ist seine Waffe, seine Art, den Leuten die Hose herunterzuziehen.
Engagieren Sie sich politisch?
Ich gehe damit sehr vorsichtig um. Die Leute sollen sich selbst eine Meinung bilden. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, gibt es womöglich junge Menschen, die deiner Haltung blind folgen. Das wäre nicht richtig. Die Leute sollen sich informieren, einfach zur Wahl gehen und ihr Kreuzchen machen. Das ist das Mindeste, was man tun kann. Ansonsten halte ich mich sehr zurück.
Ist die Ära der Parodien für Sie nun vorüber?
Vor einiger Zeit hatte ich ein paar sehr schöne Ideen für eine Fortsetzung von „Der Schuh des Manitu“. Dann kam „Wickie“, dann „Hotel Lux“, dann „Zettl“ von Helmut Dietl. Inzwischen habe ich gemerkt, dass für mich bei der Parodie ein wenig die Luft raus ist. Ich fürchte, wenn die Leidenschaft fehlt und man nur noch Parodien abliefert, um anderen einen Gefallen zu tun, kommen der nötige Druck und die Überzeugung abhanden. Deshalb habe ich mich von der Idee erst mal wieder verabschiedet. Was nicht bedeutet, dass ich nicht irgendwann wieder die Lust verspüren könnte, etwas durch den Kakao zu ziehen. Man kann es eh nicht jedem recht machen. Wäre mein nächster Film eine Parodie, gäbe es sicher Leute, die sagen würden, dem fällt auch nix anderes mehr ein.
Im Film sprechen Sie respektabel Russisch.
Ich spreche jetzt fließend und akzentfrei Russisch: „Dostoprimetschatjelnosti!“. Mehr ist nicht hängengeblieben. Ich habe alles phonetisch gelernt. Ich wurde von einer Lehrerin gecoacht, die dann auch am Set war. Man muss im Kopf behalten, was man eigentlich gerade sagt, man muss die Worte richtig betonen und vielleicht noch auf technische Dinge achten, ich war schon froh, als ich mit diesen Szenen durch war.
Welche Erfahrungen haben Sie als Titelheld von Helmut Dietls „Zettl“ gesammelt?
Bei „Zettl“ bin ich nicht im Ansatz so involviert wie bei „Hotel Lux“. Das liegt an den beiden völlig unterschiedlichen Regisseuren. Es ist Haußmanns große Stärke, dass er dem Zufall eine ganz große Chance gibt. Dabei bekommt man möglicherweise etwas, an das man vorher gar nicht gedacht hat. Bei Dietl stehen jede Pause und jedes „Äh“ im Drehbuch. Man macht alles ganz genau so, wie er es haben will. Und wenn er happy ist, ist man auch happy. Es gibt so viele Varianten, wie man einen Film herstellen kann.
Welcher Typ sind Sie selbst als Filmemacher?
Ich tendiere ganz leicht zum Dietl-Stil. Ich bin auch glücklich, wenn ein Schauspieler etwas so spielt, wie man es sich vorher ausgedacht hat. Schließlich hat man ja ewig an Dialogen und Pointen getüftelt. Aber wenn beim Dreh etwas entsteht, was noch komischer ist, nehme ich es gern mit. Bei Helmut Dietl heißt es schon manchmal: „Bitte keine Vorschläge!“. Was auch okay ist.
Der Film „Zettl“ basiert lose auf der Serie „Kir Royal“ mit dem Klatschreporter Baby Schimmerlos. Haben Sie gelernt, mit Boulevard-Journalisten umzugehen?
Gewisse Dinge verstehe ich einfach nicht. Es beschränkt sich ja nicht darauf, was man beruflich macht. Warum versucht man Menschen in den Fokus hineinzuzerren, die das gar nicht wollen. Ich verstehe auch nicht, wie man von jemandem verlangen kann, Haus, Frau und Kinder vorzuzeigen. Ich möchte gern Menschen unterhalten. Ich liebe es, ins Kino zu gehen und zu lauschen, wie sie darauf reagieren. Aber ich habe überhaupt keine Veranlassung, Leute mit meinem Privatleben zu unterhalten.
Hatten Sie ein schlimmes Hotel-Erlebnis?
Als ich neunzehn oder zwanzig war und gerade meinen Führerschein gemacht hatte, war ich so wahnsinnig, Urlaub in Irland zu machen. Ich hatte vergessen, dass dort das Lenkrad auf der anderen Seite ist. Wir hatten ein winziges Ferienhäuschen an der Küste gemietet und ich war glücklich und erleichtert, dass ich die Fahrt dorthin überlebt habe. Vor Ort stellte sich heraus, dass der Bungalow doppelt gebucht worden war. Man bot uns an, dort zu übernachten, aber wenn die Anderen kämen, müssten wir zusammenrutschen. Bei jedem Auto, das nahte, dachte ich, jetzt kommen sie! Ich habe kein Auge zugemacht und am nächsten Tag sind wir abgereist.
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