November 3, 2011
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Kinokritiken

Es war nur ein ganz großes Staunen

Ein Gespräch mit Regisseur Werner Herzog

Regisseur Werner Herzog gilt als einer der Väter des "Neuen deutschen Films". Internationale Berühmtheit erlangte der Bayer durch Produktionen wie "Aguirre, der Zorn Gottes" oder "Fitzcarraldo", die in Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Schauspieler Klaus Kinski entstanden. Neben seinen Spielfilmen widmete sich der heute 69–jährige auch immer wieder der Dokumentation. In seinem aktuellen Werk "Die Höhle der vergessenen Träume" entführt Werner Herzog die Zuschauer in die Höhle von Chauvet, in der einige der ältesten Zeugnisse darstellender Kunst die Jahrtausende überdauerten.

Herr Herzog, welche Gefühle bewegten Sie beim ersten Betreten der Höhle?

Ich kam nicht unvorbereitet. Ich kannte einen Bildband, ich kannte Fotos. Aber ich war dann doch wie vor den Kopf geschlagen. Alles sieht aus wie gerade eben erst verlassen. Man sieht an den Wänden Spuren von Fackeln, die dort abgestreift wurden, um sie wieder neu zu entfachen. Und man weiß genau, das geschah vor 28.600 Jahren. Man trifft auf Spuren von Höhlenbären, die vor mehr als 20.000 Jahren ausgestorben sind. Auf so etwas kann man niemanden richtig vorbereiten. Es ist völlig einzigartig, wie sich diese Dinge wie in einer Zeitkapsel erhalten haben.

 

Wirkt dieses Erlebnis einschüchternd?  

Nein, gar nicht. Es war nur ein ganz großes Staunen. Ich wusste sofort, dass es dieses Staunen war, das ich auf den Zuschauer übertragen muss. Wenn das Publikum in den USA aus dem Kino kam, redete keiner mehr davon, dass er einen Film gesehen hat. Man sprach von einer Höhle, als wäre man in einer gewesen. Das finde ich sehr schön.

 

Hatten Sie in der Höhle Bewegungsfreiheit?

Es gab natürlich technische Begrenzungen, ein winzigstes Team, sehr wenig Zeit. Oft durfte man sich nicht dorthin bewegen, wo man gern die Kamera hingestellt hätte. Das war aber keine Caprice. Man trampelt nicht auf "frischen" Bärenspuren herum, man muss auf einem Metallsteg bleiben. Ich bin ein professioneller Mensch und weiß, wie ich vorzugehen habe. Wenn man Chirurg ist, vollzieht man seine Arbeit mit völligem Fokus auf die Lebertransplantation und alles andere verschwindet. Es ist wie ein Tunnelblick. Auch bei Dreharbeiten gibt es keine Gefühlswelten, da gibt es nur Vollzug. Wir konnten der Kamera nie ganz ausweichen. Relativ früh im Film sieht man mich im Profil und ich schwitze. Nicht, weil ich so hart gearbeitet habe. Ich hatte sehr starkes Fieber. Aber wir hatten nur sechs Tage Zeit, vier Stunden pro Tag. Die Arbeit musste gemacht werden. Die Beschäftigung mit dem Großartigen kommt erst nachher, wenn man im Schnitt mit Geduld vor dem Material sitzt.

 

Warum war es Ihnen wichtig, den Film in 3D zu drehen?         

Ich glaube, es war die einzige Möglichkeit. Ich bin kein großer Freund von 3D. Aber in diesem Fall war es sofort klar, nachdem ich die Höhle einmal gesehen hatte. Die Formationen der Höhle sind sehr dramatisch, die Maler haben das mit eingesetzt.

 

Warum sind Sie kein Freund von 3D?   

Unser Gehirn geht sparsam und selektiv vor. Wenn ich Sie anschaue, nehme ich Sie mit einem dominanten Auge wahr, aber im Zweidimensionalen. Das andere Auge nimmt peripher den Raum wahr. Wenn wir im Kino sitzen, können wir nicht mehr so selektiv sein. Alles ist immer permanent 3D, man kann den Fokus nicht herunterfahren. So ähnlich ist es beim Tonbandgerät. Wenn wir in einem lärmenden Cafe sitzen, hören wir genau, was wir miteinander sprechen, weil wir es selektiv hören wollen. Hören wir später das Tonband ab, hört man nur Störgeräusche. Warum das so ist, weiß man bis heute nicht genau, glaube ich. Immer alles voll in 3D zu sehen, empfinde ich zum Teil als anstrengend. Es gibt ein weiteres Argument, das eher die innere Dimension betrifft. Im Kino leben wir oft so etwas wie unsere eigene, parallele Geschichte mit Hoffnungen und Ängsten, die wir ausstehen. Bei 3D hat man nur den Feuerwerkseffekt. Eine parallele Geschichte im Zuschauer ist kaum mehr möglich.

 

Hatten Sie das Gefühl, dass diese Maler Ihre Seelenverwandten waren?

Nicht meine Seelenverwandten, unsere Seelenverwandten. Hier manifestiert sich der moderne Mensch, das, was wir heute auch sind. Kulturwesen, die Geschichten erzählen und Bilder malen, die Statuetten schnitzen und Musikinstrumente herstellen, die religiöse Begriffssysteme erzeugen. Das alles macht auch den heutigen Kulturmenschen aus. Im Grunde genommen ist dies das erste Zeugnis, das den modernen Menschen sichtbar macht. Das sind wir!

 

Stand es von vorn herein fest, dass Sie selbst den Kommentar zum Film sprechen würden?

Ja. Ich schreibe meine Kommentare immer selbst und spreche sie auch gern, weil es dann immer eine andere Form von Glaubwürdigkeit hat. Die französische Ausgabe spricht übrigens mein Kollege und sehr lieber Freund Volker Schlöndorff, weil er nicht nur ein geschulter Sprecher, sondern durch seine Filme eine glaubwürdige Figur für die Franzosen ist.

 

Ihre Stimme entfaltet in Zusammenspiel mit der Musik eine gleichsam meditative Wirkung.    

Ja, das stimmt schon. Aber gleichzeitig bin ich in letzter Zeit häufiger Darsteller in Filmen als früher. Und da spiele ich in der Regel einen gemeingefährlichen oder niederträchtigen Bösewicht. Darin bin ich gut auf der Leinwand. Ich habe auch eine Figur bei den "Simpsons" synchronisiert. Außerdem wollte mich Tom Cruise als Darsteller des Bösewichts in seinem neuen Film "One Shot". Man war wohl der Auffassung, dass ich jemand bin, der gefährlich ausschaut, bevor er überhaupt redet.

 

Finden Sie Themen für Dokumentarfilme oder finden die Themen Sie?             

Die Themen stolpern in mich hinein. Ich habe nie Karriereplanung betrieben. Ich habe mir nie überlegt, was auf den Bestellerlisten steht und welchen Roman ich unter Umständen als nächsten verfilmen könnte. Aber ich glaube, alles, was ich gemacht habe, teilt eine zusammenhängende Vision. Die Projekte kommen fast wie ungebetene Gäste, die sich bei mir drängeln. Und ich komme nie richtig hinterher. Seit dem Höhlenfilm habe ich schon wieder an sechs Filmen gearbeitet. Vier Filme sind allerdings kürzere Sachen fürs Fernsehen.

 

Für eine Dokumentation haben Sie einige Zeit im Todestrakt verbracht und mit Verurteilten geredet. Wie lange wirken solche Projekte nach?

Ich darf korrigierend erwähnen, dass ich mich nicht lange im Todestrakt aufgehalten habe. Um es genau zu sagen, hatte ich 50 Minuten und musste sofort den richtigen Ton treffen. Ich hatte nicht die Gelegenheit, den Gefangenen, der auf die Exekution wartet, vorher kennenzulernen. Nach 48 Minuten spüre ich eine ganz behutsame, sanfte Hand von einem Mann aus der Wachmannschaft auf meiner Schulter und ich weiß genau, nun habe ich noch genau 120 Sekunden.

 

Was haben Sie menschlich von dieser Arbeit mitgenommen?

Wir wissen nicht, wie und wann wir sterben werden. Menschen, die hingerichtet werden, wissen auf die Minute genau, wann es passiert. Für die schauen Leben und menschliche Existenz ganz anders aus. Ich frage immer, wie wir hier draußen unser Leben sinnvoll führen sollen. Was raten Sie uns? Es ist sehr erstaunlich, was man zu hören bekommt. Wie bei der Höhle auch gibt es kein Nachdenken und keine tiefen Emotionen. Sie müssen in 50 Minuten ein sinnvolles Gespräch führen. Erst hinterher, beim Schneiden, wird es ganz arg. Sowohl der Cutter als auch ich haben wieder zu Rauchen angefangen. Wir mussten einfach raus ins Freie, uns an einer Zigarette festklammern. Es war uns nur möglich, fünf Stunden am Tag zu arbeiten.

 

Der interviewte Archäologe berichtet von intensiven Träumen, nachdem er die Höhle erforscht hat. Können Sie Ähnliches berichten?

Ich träume nachts nicht, ich bilde da eine Ausnahme, ich bin traumunfähig.

 

Oder Sie können sich nur nicht erinnern?

Nein, das glaube ich nicht. Das behaupten alle Psychiater. Ich glaube, das sind Hausdeppen, wenn sie behaupten, dass jeder Mensch natürlicherweise so und so viel träumt. Ich würde mich gern als lebender Gegenbeweis darbieten. Man rüttelt mich nachts um halb vier wach, weil wir ganz früh zu einem Dreh raus müssen. Dann merke ich, ich habe wieder nicht geträumt. Und ich empfinde das durchaus als Vakuum. Ich hätte gern geträumt, ich tue es aber nicht.

 

Machen Sie deshalb Filme?

Vielleicht, wenn man das ganz vorsichtig nimmt, bin ich in diesem Beruf und mache Filme, weil ich nicht träume. Als wäre es meine Möglichkeit, das trotzdem zu tun.

 

Fühlen Sie sich manchmal wie der vielzitierte Prophet, der im eigenen Land weniger gilt als anderswo?    

Ach, nein. Es darf mir keine schlaflosen Nächte bereiten, dass Filme von mir in den USA und anderen Länder gut laufen, aber hier gar nicht ins Kino kommen. Das wird sich auch ändern, zumindest hoffe ich es. Ich bemühe mich um ein deutsches Publikum und arbeite intensiv mit den Medien zusammen. Ich möchte meine Fühler zum deutschen Publikum ausstrecken, das ist mit einer großen Verantwortung verbunden.

 

Denken Sie manchmal noch an Klaus Kinski?     

Ab und zu, ja klar. Ich sehe das alles mit großer Wärme und Humor, so wie in meinem Film "Mein liebster Feind", den ich erst acht oder neun Jahre nach seinem Tod gemacht habe. Da hatten sich die Perspektiven schon unheimlich verschoben. Der Film hat sehr viel Sympathie für den ganzen Irrsinn. Dadurch ist es ein richtig schöner Film geworden.



von André Wesche
in Verleih von Ascot Elite
Bundesstart: 03.11.2011


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