
Regisseur David Cronenberg wurde durch intelligente Horror-Filme wie „Die Fliege“ oder „Scanners“ bekannt. Später setzte sich der Kanadier in Werken wie „M. Butterfly“ oder „Crash“ mit den verschiedensten Gesichtern sexueller Obsessionen auseinander. Im neuen Jahrtausend machte der heute 68-jährige mit den großartigen Thriller-Dramen „A History Of Violence“ und „Eastern Promisses – Tödliche Versprechen“ auf sich aufmerksam. Nun betritt David Cronenberg abermals Neuland. Im Kostüm-Drama „Eine dunkle Begierde“ lotet der Filmemacher die Dreiecksbeziehung zwischen Sigmund Freud, C.G. Jung und Sabina Spielrein aus und widmet sich damit erstmals Charakteren des wahren Lebens.
Mr. Cronenberg, woher rührt Ihre Vorliebe für sexuelle Obsessionen?
Ich bin kein obsessiver Mensch, wirklich nicht. Die Sexualität macht einen großen Teil des menschlichen Lebens aus. Wie Freud schon sagte, steckt Sex als Triebkraft hinter allem, auch wenn es nicht immer offensichtlich ist. Der Konflikt bildet die Essenz des Dramas, wie schon George Bernard Shaw zu sagen pflegte. Ein Film über die perfekte Familie wäre nicht sehr interessant. Als Dramatiker spüre ich Konflikte auf, wenn ich eine Geschichte zu Papier bringe. Und Sex ist die Ursache für viele Konflikte, selbst für kulturelle. Man muss nur einmal die Einstellung zum Sex im Islam und im Christentum miteinander vergleichen. Also bin nicht ich es, der sexuelle Obsessionen hegt. Sie sind es.
Wie umfangreich waren Ihre Recherchen über Sigmund Freud?
Ich wusste schon vorher viel über Freud. Mit Jung kannte ich mich weniger gut aus. Und über Sabina wusste ich nichts. Sie war eine Offenbarung. Es war sehr aufregend, Christopher Hamptons Stück zu lesen. Danach las ich das Buch „A Most Dangerous Method“. Für mich macht der Rechercheprozess einen großen Teil der Freude aus, die mir das Filmemachen bereitet. Ich habe in Küsnacht im Haus des C.G. Jung dessen Nachfahren getroffen, das sind unvergessliche Erlebnisse.
Hatten Sie Keira Knightley von Anfang an für die Rolle der Sabina im Visier?
Wenn ich schreibe, versuche ich dabei nicht an Schauspieler zu denken. Wenn man an einen bestimmten Schauspieler denkt, beginnt man die Rolle automatisch auf ihn zuzuschneiden. Ich erlaube es besonders den fiktiven Charakteren, sich zu entwickeln, bevor ich mir über die Besetzung Gedanken mache. In diesem Fall gestaltete es sich etwas schwieriger, weil ich zum ersten Mal einen Film über sehr bekannte, reale Personen gemacht habe. Das ist mit ein paar Einschränkungen verbunden. Man muss auf das richtige Alter achten, außerdem sollten die Schauspieler den Vorbildern aus dem wahren Leben zumindest flüchtig ähneln. Die Menschen denken, sie kennen Jung und Freud, aber sie kennen nicht den 29-jährigen Jung und den Freud um die 50. Sie kennen Freud mit 80.
Welche Erfahrungen haben Sie beim Dreh in Deutschland gesammelt?
Ausschließlich gute. Alle Innenaufnahmen sind in Köln entstanden, drei Wochen haben wir in Konstanz am Bodensee gedreht. Unsere Crew hat sich aus Deutschen und Kanadiern zusammengesetzt, dieser Mix hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Wir hatten eine Menge Spaß am Set.
„Eine dunkle Begierde“ ist ein untypischer Film für Sie. Wollten Sie zur Abwechslung etwas völlig Anderes drehen?
Dieser Film ist nicht völlig anders, er liegt genau auf meiner Linie. Mein allererster Film war ein 7-minütiger Kurzfilm namens „Transfer“ (1966), der sich um einen Psychologen und seinen Patienten dreht. Inwiefern also soll „Eine dunkle Begierde“ anders sein? Für einige Leute sind nur meine frühen Horror-Filme „echte Cronenberg-Filme“. Aber wie soll man Filme wie „Naked Lunch“, „M. Butterfly“ oder „Die Unzertrennlichen“ in eine Kategorie einordnen? Für mich ist es immer Drama, ich denke nicht in Genre-Grenzen. Jeder Film, den ich mache, ist für mich ein Neubeginn. Meine anderen Arbeiten sind dann irrelevant, sie haben keinen Einfluss. Ich höre darauf, was der Film will. Und ich gebe ihm, was er braucht. Das Kino bietet mir die Möglichkeit, Dinge zu erforschen, die mich neugierig machen. Ich lerne, die menschliche Natur und die menschliche Befindlichkeit besser zu verstehen.
Inwiefern muss ein Filmemacher auch ein Psychoanalytiker sein?
Für mich ist das Filmemachen keine Therapie. Es gibt einige Kollegen, die in ihrer Arbeit eine Therapie sehen, für mich gilt das überhaupt nicht. In meinem eigenen Verständnis ist der künstlerische Prozess ein anderer. Man öffnet sich für Einflüsse der unterschiedlichsten Art, man erlaubt sich, verletzlich zu sein. Man inhaliert die Einflüsse der Dinge um sich herum. Wie ein Insekt fährt man seine Antennen aus und fühlt die Dinge. Und man schafft etwas Neues daraus. Das hat mit dem Prozess der Therapie nichts zu tun. Andererseits bin ich im 20. Jahrhundert aufgewachsen, hier habe ich mich als Künstler geformt. Und jeder, für den das gilt, ist durch Freud beeinflusst. Man kommt einfach nicht drum herum, selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Womit wir wieder bei Freud wären: Niemand vor ihm hat sich mit dem Unterbewusstsein auseinandergesetzt.
Im Film heißt es sinngemäß „Deutsch ist die Sprache der Engel“. Stammt dieses Zitat von Ihnen?
Tatsächlich ist es ein Zitat von Jung: „Engel sprechen traditionell Deutsch“. Er musste es wissen, schließlich waren sein Vater und sechs seiner Onkel Pastoren. Ich selbst glaube, Deutsch ist die Sprache der Psychoanalyse. Ich glaube nicht, dass sie sich in irgendeiner anderen Sprache so hätte entwickeln können. Die Struktur einer Sprache ist für die Art, wie wir über Dinge denken, von besonderer Bedeutung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich den Film auf Englisch gemacht habe, wo die Essenz der Psychoanalyse doch im Deutschen liegt. Immerhin sind alle Schriftstücke, die man im Film sieht, in deutscher Sprache.
Welche Szenen fielen Keira Knightley schwerer, die Therapie- oder die Sexszenen?
Das müssen Sie Keira schon selbst fragen. Natürlich sind diese Szenen auf unterschiedliche Weise schwierig. Schauspieler sind sehr verletzlich, immer. Eines der Dinge, die ich ihnen als Regisseur gebe, ist ein Gefühl der Sicherheit. Mein Drehort ist ein geschützter Platz für die Darsteller. Sie dürfen Fehler machen, Dinge ausprobieren. Ich kritisiere sie nicht, ich leite sie nur höflich. Für eine junge Frau ist es eine schwierige Sache, eine Sex-Szene zu drehen.
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