Dezember 29, 2011
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Kinokritiken

Ich reise allein

Die Kinderüberraschung

Ich reise allein

Ich reise allein

Schon in Til Schweigers Kinohit „Kokowääh!“ setzte eine verantwortungslose Mutter ihr Kind einfach beim völlig fremden Erzeuger ab, die Prämisse von „Ich reise allein“ ist da nicht weniger befremdlich. Während der deutsche Film alle Register des Kintopp zieht, wählt die norwegische Produktion die eher launige, vermeintlich lebensechtere Variante.

Die Welt trauert um Prinzessin Diana, Tamagotchis gehören im Kinderzimmer zum guten Ton und der Mittzwanziger Jarle (Rolf Kristian Larsen) studiert im norwegischen Bergen Literaturwissenschaften, wenn er sich nicht gerade besäuft oder seine Freundin ganz doll liebhat. Dann ereilt den jungen Mann eine knappe Nachricht mit Tiefenwirkung. Der One-Night-Stand im Vollrausch mit einer 15-jährigen ist vor sieben Jahren auf fruchtbaren Boden gefallen. Das Ergebnis heißt Charlotte Isabel und ist quasi bereits im Anmarsch. Die ganze Zeit über hat sich Mutti um das Mädchen gekümmert, jetzt ist sie urlaubsreif. Jarle aber ist keinesfalls reif für die Vaterrolle. Der Zeitpunkt ist besonders ungünstig gewählt, ist Jarles Lebensabschnittsgefährtin doch gerade im Begriff, ihm den Laufpass zu geben, um es mit einem wesentlich älteren Mann zu versuchen.   

Lotte ist ein süßer Fratz und ein kluger Kopf, aber jeder in Jarles Umgebung kommt mit dem Kind besser zurande als sein Erzeuger. Sein ganzes Leben hat sich zwischen Proust und „Prost!“ abgespielt, nun soll er einen Kindergeburtstag ausrichten. Was für ein Übermaß an Realität!        

Das (pseudo-)intellektuelle Milieu, in dem sich der Protagonist bewegt, ist für viele Zuschauer wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig. Lottes Mutter sei Supermarktkassiererin, sagt Jarle. „Wie proletarisch“, antwortet sein Freund, „der Ruf der Wildnis reicht direkt in unser Leben!“ Bis zu welchem Grade der Film solche Dinge ernst nimmt, vermag das Publikum nie so recht abzuschätzen. Man verrät sicher nicht zu viel, wenn man vorweg nimmt, dass es am Ende dann doch funkt zwischen Vater und Tochter. Regisseur Stian Kristiansen hat mit Kitsch nichts im Sinn. Im Bestreben, seine Geschichte so gefühlsecht wie möglich zu gestalten, ist die Wärme leider teilweise auf der Strecke geblieben. Es gibt sie, die anrührenden Momente, aber gerade zwischen dem Fest hätte mehr Mut zum Gefühl gutgetan.

Anspruch: 1
Spannung: 2
Action: 2
Humor: 2
Erotik: 0



von André Wesche
in Verleih von NEUE VISIONEN
Bundesstart: 29.12.2011


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