
Der gefeierte Jazz-Pianist Michel Petrucciani litt unter der Glasknochenkrankheit, er war nur einen Meter groß und seine Lebenserwartung war gering, aber mit seiner Musik und seiner Lebensgier inspirierte er Freunde, Familie und ein Heer von Fans. Ein Porträt.
Immer wieder kommen diese Uhren ins Bild. Die Zeit ist knapp bemessen. Als Michel Petrucciani 1962 völlig zerschunden das Licht der Welt erblickt, scheint sein grausames Schicksal besiegelt. Die Glasknochenkrankheit macht das Kind über alle Maßen verletzlich, das Krankenhaus wird zu seinem zweiten Zuhause. Der wird nicht alt, munkeln die Nachbarn. Michels Vater, ein italienisch-stämmiger Jazzmusiker in Frankreich, weckt in seinem Sohn sehr früh die Liebe zur Musik.
Der Junge zertrümmert das Spielzeugklavier, das man ihm schenkt, denn er will und bekommt ein richtiges Instrument. Zwischen dem 6. und dem 10. Lebensjahr habe er Michel regelrecht getriezt, räumt der Vater heute ein. Mit 13 gibt Michel sein erstes professionelles Konzert. Körperlich stark behindert, nur einen Meter groß und unfähig zu laufen, ist es der Junge gewohnt, angestarrt zu werden. Aber wenn seine Hände über die Klaviatur fliegen, spielen Äußerlichkeiten keine Rolle mehr.
Michel macht Karriere. Er geht nach Amerika, wo er als Kollege seiner Idole Chick Corea und Herbie Hancock gefeiert wird. Die Jazzgrößen reißen sich um den Ausnahmepianisten, der auf die Bühne getragen werden muss. Petruccianis Gier nach Leben elektrisiert sein gesamtes Umfeld. Er sei wie ein Schwamm, sagt er einmal, er sauge alles gierig auf und er wolle alles ausprobieren.
Drogen sind Michel Petrucciani nicht fremd und manche schöne Frau wird von ihm verlassen. Die Uhr tickt, es gilt, keine Zeit zu verschwenden.
Für Regisseur Michael Radford schließt sich ein Kreis. Zu Beginn seiner Karriere hat der Brite Dokumentationen inszeniert, bevor er sich mit Spielfilmen wie „1984“ oder „Der Postmann“ („Il Postino“) der Fiktion zuwandte. Das dokumentarische Handwerk hat Radford nie verlernt.
Wenn der Filmemacher nun dem außergewöhnlichen Jazz-Pianisten Petrucciani huldigt, könnte sein Werk als Lehrstück für all jene herhalten, die meinen, montiertes Interview- und Archivmaterial ergäbe zwangsläufig eine Doku. „Leben gegen die Zeit“ pulsiert im Rhythmus der Musik und teilt das Tempo eines Daseins, das rasch, aber mit einem hellen Leuchten ausbrannte.
Hundert Minuten Spielzeit ziehen in einer gefühlten Dreiviertelstunde vorüber. Der Film verschweigt nicht, dass Petrucciani arrogant, gemein, ja böse sein konnte. Und wenn eine seiner Frauen schwärmt, er sei gut bestückt gewesen, ist das vielleicht ein wenig zu viel an Information.
Am Ende aber bleibt nur die ganz große Faszination für einen gesegneten kleinen Mann.
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