Januar 12, 2012
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Kinokritiken

Verblendung - Ein Gespräch mit Regisseur David Fincher

Filme, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis der Menschen einprägen

 David Fincher

David Fincher

Regisseur David Fincher startete als Trickfilmzeichner in seine berufliche Laufbahn, später inszenierte er Musikvideos für Stars wie Sting, Madonna oder die Rolling Stones. Mit seinen Kinofilmen „Sieben“, „Fight Club“ und „The Game“ sorgte Fincher für frischen Wind im Thriller-Genre, während mancher Schauspieler den Perfektionismus des Filmemachers zu schätzen und zu fürchten lernte. Zuletzt inszenierte der heute 49-jährige das preisgekrönte Drama „The Social Network“ über den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Zwei Jahre nach der erfolgreichen europäischen Verfilmung des Stieg-Larsson-Romans „Verblendung“ legt David Fincher nun eine amerikanische Adaption des Stoffes vor. Die Hauptrollen spielen Daniel Craig und Rooney Mara.

Mr. Fincher, wie kam der Stieg-Larsson-Stoff zu Ihnen?
Ich arbeitete gerade an „Benjamin Button“, als mir Produzentin Kathleen Kennedy ein schwedisches Buch empfahl, das bei uns noch nicht auf dem Markt war. Sie fand es sehr interessant. Ich hatte keine Zeit, einen 600 Seiten starken Wälzer zu lesen, und fragte nach dem Inhalt. Es ging um eine bisexuelle Hackerin, die in Stockholm lebt, mit dem Motorrad herumfährt und Nazis bekämpft. Ich sagte: „Kat, wir haben schon sieben lange Jahre gebraucht, um die Geschichte eines Mannes auf die Leinwand zu bringen, der rückwärts altert!“

Wie hat man Sie schließlich doch überredet?    
Fünf Jahre später übergab ich den Film „The Social Network“ an die Produzenten und die Leute von Sony. Sie sagten, sie hätten gerade die Rechte an einem Buch erworben. Es handelte von einer bisexuellen Hackerin… Man wollte das Buch nicht verändern, es war eine schwedische Geschichte und sollte auch dort angesiedelt bleiben. Es würde keine Jugendfreigabe geben, denn es kommen einige sehr drastische Szenen in der Story vor. Und sie konnten sich keinen geeigneteren Filmemacher dafür vorstellen als mich, was ich sehr schmeichelhaft fand. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, konnte ich mir nicht erklären, wie man die Handlung zu vier Kinostunden komprimieren sollte, geschweige denn zu den angestrebten zwei bis zweieinhalb Stunden. Der großartige Steven Zaillian („Schindlers Liste“) hat schließlich das Drehbuch verfasst. Und schon saß ich im Auto, fuhr durch Stockholm und suchte mein Hauptmotiv, die „Vanger“-Residenz.

Weshalb bringt man Sie mit solchen Stoffen in Verbindung?     
Es hat sicher damit zu tun, dass ich „Fight Club“ für witzig hielt – im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten. Ich habe schon mehrere Serienkiller-Filme gemacht. Und ich mag Herausforderungen.

Dazu zählte sicher auch der Drehort Schweden.
Diese Geschichte kann nirgendwo sonst spielen. So genießt Schweden den Ruf, einer der frauenfreundlichsten Plätze der Welt zu sein. Frauen sind völlig emanzipiert, sie sind es, die in der Bar die Männer ansprechen. Stieg Larsson hinterfragt diese sexuelle Gleichstellung. Er zeigt, dass hier trotzdem noch einiges im Argen liegt. Natürlich stehen bei Larssen die Politik, die sozialen und ökonomischen Bezüge und die Sexualität immer im Dienst des Thrillers. Und das Zentrum dieses Thrillers bildet für mich die sehr interessante Beziehung zwischen dem Mann in seinen Vierzigern und dem Mädchen Mitte zwanzig. Sie hilft ihm, wieder aus seiner Schale zu kriechen und nicht wegzulaufen. Und er hilft ihr aus ihrem Schneckenhaus heraus. Das war es, was mich interessiert hat.

Werden auch die beiden anderen Larsson-Romane „Verdammnis“ und „Vergebung“ noch einmal verfilmt werden?
Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich selbst bin sehr müde. Und ich glaube nicht, dass Teil zwei und drei als Filme für sich allein stehen können. Ich habe das zweite Buch gelesen und bin gerade beim dritten. Für mich erzählen sie eine Geschichte, die willkürlich in zwei Hälften geteilt wird. Ein Regisseur müsste beide Teile am Stück drehen.

Man schreibt Ihnen den Ausspruch zu: „Ich mag Filme, die Narben hinterlassen“. Ist das wahr?
Es ist ein wenig aus dem Kontext gerissen, aber ja. Ich liebe „Der weiße Hai“. Der Film hat es mir für den Rest meines Lebens unmöglich gemacht, im Ozean zu schwimmen. Und ich mag das. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich drei Wochen lang nicht mehr schlafen konnte, nachdem ich mir „Der Exorzist“ angesehen hatte. Ich bin kein religiöser Mensch, ich wurde nicht indoktriniert, an das satanisch Böse oder den Exorzismus zu glauben. Aber dieser Film hat mein Weltbild zumindest für ein paar Monate erschüttert. Ich mag es, wenn ein Film einen solchen Effekt hat.
Als ich „Alien“ sah, haben die Art der Erzählung und das Produktionsdesign mein Vorstellungsvermögen gesprengt! Nie zuvor hatte ich erlebt, was für eine intensive Liebe zum Detail hier in den Dienst einer einzigen Idee gestellt wurde. Die ersten 45 Minuten des Filmes dienen einem einzigen Zweck, sie machen dem Zuschauer auf tausend verschiedene Arten deutlich, dass man nicht nach draußen kann. Das ist spektakulär. Es ist eine großartige Sache, wenn man Filme machen kann, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis der Menschen einprägen. Ich mag aber auch Frank Capra-Filme.



von André Wesche
in Verleih von Sony
Bundesstart: 12.01.2012


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