
Der kurze Auftritt von Schauspielerin Rooney Mara („A Nightmare on Elm Street“, 2010) als Verflossene des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg im Drama „The Social Network“ hinterließ nicht nur beim Publikum einen bleibenden Eindruck. Regisseur David Fincher ließ die 26–jährige gleich für die anspruchsvolle Hauptrolle seines nächsten Projektes vorsprechen, einer Hollywood-Adaption des Stieg-Larsson-Bestsellers „Verblendung“. Für ihre Darstellung der unkonventionellen Computer-Hackerin Lisbeth Salander wurde Rooney Mara kürzlich für einen Golden Globe nominiert.
Ms. Mara, Ihre Kollegin Noomi Rapace, die Lisbeth in der schwedischen Verfilmung von „Verblendung“ spielt, hatte Probleme damit, diese Rolle wieder abzuschütteln. Erging es Ihnen ähnlich?
Sicherlich habe ich während der Dreharbeiten unterbewusst einige Züge dieses Charakters übernommen, aber ich könnte sie nicht aufzählen. Ich hatte immer das Gefühl, ich selbst zu bleiben. Es war definitiv schwieriger, sich wieder von der Figur zu lösen, als in sie zu schlüpfen. Letzteres habe ich als sehr einfach empfunden.
Wie haben Sie sich auf die Anforderungen der Rolle vorbereitet?
Die Vorbereitungen waren sehr umfangreich. Es war eine physische Transformation erforderlich, außerdem habe ich Motorradfahren, Kickboxen und Skateboarden trainiert. Auch Lisbeths Umgang mit dem Computer wollte geübt sein. Darüber hinaus habe ich viele Recherchen betrieben. Ich habe Schulen besucht, in denen autistische Kinder und Kids mit dem Asperger-Syndrom unterrichtet werden. Ich habe ein Zentrum für physisch und psychisch misshandelte Frauen aufgesucht. Und natürlich habe ich viel gelesen.
Haben Sie sich die schwedische Filmversion angeschaut?
Ich hatte mir den Film schon ein paar Monate vor dem Vorsprechen angesehen. Ich finde ihn großartig, aber ich habe bei meiner eigenen Arbeit nicht zurückgeschaut oder den Film als Bezugspunkt genommen. Wenn wir nach Inspirationen gesucht haben, war das Buch unsere Quelle.
Hat Sie die Tatsache verunsichert, dass gerade in Europa viele Menschen diese Figur bereits von der Leinwand kennen?
Sicherlich bestand ein besonderer Druck. Nicht nur, weil es bereits eine Verfilmung gibt. Millionen von Menschen haben die Bücher verschlungen. Ich zähle auch zu ihnen und ich habe mir eine sehr konkrete Vorstellung davon gebildet, wer dieses Mädchen ist. Die europäische Produktion liefert eine andere Interpretation. Ich hatte großes Vertrauen in mein eigenes Bild. Und ich habe Lisbeth so gespielt, wie ich sie in meinem Kopf gesehen habe.
Was macht Lisbeth für viele Menschen so interessant?
Jeder hat sich in einer Phase seines Lebens schon einmal missverstanden oder ausgegrenzt gefühlt. Niemand wird gern von Leuten in Machtpositionen klein gehalten. Auf dieser Basis kann man sich mit Lisbeth identifizieren. Und man möchte, dass sie erfolgreich ist.
Mögen Sie Lisbeth?
Ja, sehr.
Möchten Sie wie sie sein?
Ich habe vieles mit ihr gemeinsam. Ich bin ziemlich zurückhaltend. Ich werde schwer mit Anderen warm und es dauert eine Weile, bis ich jemandem Vertrauen schenke. Ich glaube, ihr noch mehr zu ähneln, würde das Leben ziemlich schwierig gestalten.
War der Casting-Prozess langwierig?
Als ich für die Rolle der Erica Albright in „The Social Network“ vorsprach, kam es David auf sehr spezifische Eigenschaften an. Diese Figur war sehr feminin, eloquent und umgänglich, sehr selbstbewusst und erwachsen. Ich glaube, es ist mir ganz gut gelungen, dies zu verkörpern. Die Rolle in „Verblendung“ verfügt über keine dieser Eigenschaften, sie ist das komplette Gegenteil. Natürlich musste ich erst zeigen, ob ich auch diesen Anforderungen gerecht werden kann.
Lisbeth tritt wie eine Kriegerin in Erscheinung. Wie ist es Ihnen gelungen, auch ihr Inneres zu zeigen?
Es ist eine der besonderen Anforderungen, die diese Rolle mit sich bringt. Das meiste über sie erfährt man auf nonverbalem Weg. Alles geschieht durch Augenkontakt und Körpersprache. Ihre Physis spricht für sie. Ich kann nicht genau beschreiben, wie das vonstattengeht. Wenn man nur eine begrenzte Anzahl an Werkzeugen zur Verfügung hat, muss man eben andere Wege finden, um eine Figur zu zeichnen. Ich hatte drei Bücher, aus denen ich meine Informationen ziehen konnte.
Offensichtlich sind Sie bereit, für eine gute Rolle sehr weit zu gehen. Wo haben Sie persönliche Grenzen gezogen?
Ich habe keine Liste von Dingen, die ich tun oder lassen würde. Sicherlich existiert da eine Grenze, aber solange mich niemand darum bittet, sie zu überschreiten, nehme ich sie nicht wahr.
Es heißt, David Fincher hätte Sie vor der Rolle gewarnt.
Er hat mich nicht gewarnt. David verfügt über die größte Integrität, die mir bisher in meinem Arbeitsleben begegnet ist. Er hat sich für mich verantwortlich gefühlt, deshalb hat er mir alle Chancen und Gefahren dargelegt und mich dann meine Entscheidung treffen lassen. Es stand nie im Vordergrund, dass diese erstaunliche Rolle eine einmalige Gelegenheit für mich ist. Ein Auftritt wie dieser lädt einem viel Gepäck auf die Schultern und David wollte, dass mir das völlig bewusst ist. Ich musste die Entscheidung selbst treffen, ob ich diese Rolle in mein Leben lassen will. David hat mich nicht gewarnt, er hat mich nur auf alles vorbereitet.
Ist Integrität im Filmgeschäft eine seltene Qualität?
Integrität ist in jedem Business eine seltene Qualität.
Hat Sie die Golden Globe-Nominierung überrascht?
Ja, ich habe nicht damit gerechnet. Natürlich ist das sehr aufregend für mich. Es ist etwas sehr Schönes, wenn man an einer Sache so hart gearbeitet hat und andere Menschen das zu schätzen wissen.
Wird nun die gesamte Roman-Trilogie neu verfilmt werden?
Ich weiß es nicht. Ich würde es mir wünschen, aber ich bin nicht sicher.
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