
Eben erst ist der beliebte Komiker, Regisseur und Schauspieler Michael „Bully“ Herbig („Der Schuh des Manitu“) aus Hollywood zurückgekehrt, wo er in der Komödie „The Incredible Burt Wonderstone“ neben Steve Carell und Jim Carrey seinen Einstand gegeben hat. Hierzulande ist der 43-jährige ab Donnerstag in der Hauptrolle der neuen Helmut-Dietl-Satire „Zettl“ zu erleben. Der Titelheld, ein Chauffeur der Reichen und Schönen Berlins, avanciert zum Chefredakteur eines Magazins, das mit Enthüllungen aus dem Sündenpfuhl Politik Furore macht.
Herr Herbig, gestaltet sich die politische Realität derzeit nicht noch grotesker, als die Fiktion in „Zettl“ zeigt?
Ganz ehrlich? Wenn mir jemand ein Drehbuch mit dieser Geschichte auf den Tisch gelegt hätte, die wir gerade erleben, hätte ich gefragt, was er denn mit dem langweiligen Kram will. Wen soll das interessieren? Ich finde es erstaunlich, wie lange man sich mit so etwas beschäftigen kann. Ich bin jemand, der sich sehr schnell langweilt. Das Ganze geht jetzt schon fünf oder sechs Wochen und füllt noch immer Fernsehsendungen, Illustrierte und Zeitungen. Es scheint offensichtlich im Moment nichts Wichtigeres zu geben. Ich finde das, was bei Zettl stattfindet, wesentlich spannender. Und ob es nun um Guttenberg geht oder um anderes: Ich habe die Theorie, dass es in den letzten Jahrzehnten immer schon so war. Es hat nur keiner mitbekommen. Das hat natürlich damit zu tun, dass heute durch das Internet eine ganz andere Kommunikation stattfindet. Man kann ganz anders recherchieren und nachbohren. Ich möchte nicht wissen, was in früheren Zeiten alles aufgeflogen wäre.
Wie groß ist die Schnittmenge von Fiktion und Realität im Film?
Das fragt man mich häufig und ich kann es nicht sagen. Ich kenne weder die Berliner noch die Münchner Szene. Ich wollte bei einem Helmut Dietl-Film dabei sein und ich habe gespielt, was im Drehbuch steht. Dass das alles jetzt zu so einer Riesennummer wird, habe ich nicht geahnt. Natürlich ist das Timing unter dem Werbeaspekt toll für den Film. Aber als ich vor zehn Jahren mein erstes Gespräch mit Helmut Dietl geführt habe, war es nicht der Plan, den Filmstart so zu setzen, dass wir gleichzeitig mit der Wulff-Affäre ins Kino kommen. Ich hätte für Dietl alles gespielt.
Was ist das Besondere an Dietl?
Ich bin mit „Kir Royal“ und „Monaco Franze“ aufgewachsen. „Schtonk!“ ist einer meiner größten Favoriten aller Zeiten. In Deutschland gibt es nur wenige Filmemacher vom Kaliber eines Helmut Dietl. Im Grunde genommen geht es mir immer darum, mit 70 auf einer Parkbank zu sitzen und sagen zu können: „Ja, mit dem habe ich auch gedreht!“ Es ist ein großes Glück, das alles erleben zu dürfen.
Sie beide sind Regisseure, die mit Humor arbeiten. Wie unterscheidet sich dieser Humor?
Humor kann man schwer definieren. In Deutschland unterscheidet man gern zwischen Satire, Kabarett, Comedy oder Stand-Up. Das gibt es in Amerika gar nicht, dort gibt es Comedy. Entweder man lacht oder man lacht nicht. Ich finde es auch immer schön, wenn Journalisten sagen, sie haben sich „unter ihrem Niveau amüsiert“. Ich weiß nicht, was das für eine Aussage ist. Habe ich mich amüsiert oder nicht? Wenn etwas nicht mein Niveau hat, amüsiere ich mich auch nicht. Es gibt Szenen in einem Dietl-Film, die ich komisch finde und es gibt Szenen in einem Bully-Film, die ich komisch finde. Natürlich ist es eine andere Humor-Farbe. Es gibt ja auch den bekannten Humor unter der Gürtellinie. Aber die Gürtellinie ist bei den Menschen unterschiedlich angesetzt. Die einen tragen sie am Hals, die anderen an den Wadeln.
Zettl ist ein Sympathieträger.
Das wollte Helmut Dietl immer, es ist sozusagen eine Regie-Anweisung. Er wollte diese neue Generation der Moral personifizieren. Da ist jemand, der ist unmoralisch, er merkt es aber nicht. Er findet es normal, anders als es vielleicht in den 80-ern gewesen wäre. Wobei ich diesen Vergleich gern meide, weil „Zettl“ für mich keine Fortsetzung von „Kir Royal“ ist, wie es immer geschrieben wird. Aber wenn man Zettl schon mit einem Baby Schimmerlos vergleichen möchte, dann beschreibt Helmut das so: ein Baby Schimmerlos war unmoralisch und hat es gemerkt. Ein Zettl ist unmoralisch und merkt es nicht. In Helmuts Augen, in diesem Film, ist das durchaus eine Anspielung auf die Art, wie Menschen heute miteinander umgehen.
Sind Sie ein politischer Mensch?
Ich halte mich mit Aussagen zurück. Ich freue mich, wenn ich die Menschen unterhalten kann. Wenn ich ein ausgeprägter politischer Mensch wäre, dann wäre ich wahrscheinlich in die Politik gegangen. Ich finde, dass Unterhalter in der Politik genau so wenig verloren haben wie Politiker in der Unterhaltung. Klar haben es Politiker, die unterhaltsam sind, etwas leichter beim Volk. Das heißt aber nicht, dass sie die besseren Politiker sind. Politiker auf einer Bühne sind für mich fast unerträglich. Ich gehe ja auch nicht in den Bundestag und halte einen Stand-Up. Wenn sich jemand für die Politik entschieden hat, soll er es anständig machen. Ich versuche, ein anständiger Unterhalter zu sein.
Zettl sagt: „Im Rahmen meiner Möglichkeiten bin ich anständig geblieben“. Sie selbst sind Geschäftsmann, der mit Millionenbudgets umgehen muss. Ist es heutzutage schwer in Deutschland, den Anstand zu wahren?
Man muss ihn wahren. Und es geht auch. Ich weiß nicht, warum es Leute nicht tun. Im Zweifelsfall hat das auch etwas mit Erziehung zu tun. Ganz simpel. Am Ende des Tages will man sich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken, so geht es schon mal los. Es ist immer ein Bauchgefühl, keine Strategie. Ich gehe nicht strategisch vor und sage, okay, zu dem muss ich jetzt nett sein, vielleicht brauche ich ihn später mal. Wenn jemand zur Tür reinkommt, bilde ich mir ein, nach fünf oder zehn Sekunden sagen zu können, ob ich ihn mag oder nicht. Ich gehe Leuten aus dem Weg, von denen ich das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt. Ich möchte mit denen auch nicht aufs Foto. Diesen Instinkt hat letztendlich jeder. Die einen folgen ihm und sagen, der Mensch ist nicht gut für mich, ich meide ihn. Und es gibt welche, die sagen, der Mensch ist nicht gut für mich, aber er bringt mir etwas.
Wie oft haben Sie es mit Menschen zu tun, die Sie hofieren, weil sie etwas wollen?
Ich werde misstrauisch, wenn mir Leute, die ich nicht kenne, Geschenke machen. Das brauche ich nicht, will ich nicht und es interessiert mich auch nicht. Für mich ist ein Geschenk immer etwas Persönliches. Ich schenke jemandem etwas, weil ich ihn kenne, schätze, mich für etwas bedanken möchte. Die Dinge, die ich bislang gemacht habe, sind aus einer Eigeninitiative entstanden.
Als kommerziell erfolgreicher Filmemacher haben Sie eine Machtposition inne. Sie präsentieren sich aber nicht als der große Lenker.
Der wollte ich auch nie sein. Ich hatte nur den Wunsch, das tun zu können, was ich gern tue. Ich will Filme machen. Ich wollte auch nicht unbedingt Produzent werden. Es ist so gekommen, weil ich gar keine andere Chance hatte. Damals habe ich keine Produzenten in dem Sinne gefunden, also habe ich versucht, es selbst auf die Beine zu stellen. Man muss auch ein bisschen demütig sein, wenn man die Chance hat, Dinge zu tun, die man wirklich machen will. Gerade in der Branche gibt es auch viele Leute, die den und den Film inszenieren müssen, weil sie Geld zum Leben brauchen. Es gibt Schauspieler, die Rollen annehmen müssen, die ihnen nicht gefallen. Sich Dinge aussuchen zu dürfen, ist ein riesiges Glück.
Ist die Macht nicht trotzdem manchmal verführerisch?
Ich nehme es zur Kenntnis, wenn mir jemand sagt, ich hätte Macht. Aber es ist mir nicht bewusst und es ist mir auch egal. Natürlich tut man sich leichter, wenn es so ist. Der Weg dorthin war nicht so leicht. Im Moment läuft´s, da kommt eben so ein Angebot wie „The Incredible Burt Wonderstone“. Aber das kommt ja nicht plötzlich, es ist eine Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Und ich finde es toll, dass das alles geht, ohne dass andere Leute dabei auf der Strecke geblieben sind. Es geht eben auch ohne das. Und im Leben kommt alles zurück. Die große Herausforderung ist es, am Schluss sagen zu können, ich muss mir nichts vorwerfen, ich habe die Menschen immer anständig behandelt.
Ist das Filmbusiness doch nicht das vielzitierte Haifischbecken?
Ich weiß nicht. Ich habe auch gehört „Film ist Krieg!“. Vielleicht ist es das in einer gewissen Art und Weise auch. In einem Haifischbecken, um die Metapher aufzugreifen, geht es ums Überleben. Und in vielen Branchen geht es tatsächlich darum. Wann bekomme ich meinen nächsten Job, meine nächste Rolle? Es kommen ja auch immer wieder junge Talente nach. Ich selbst habe das Geschäft nicht als Haifischbecken erlebt. Letztendlich war ich nie drin, man hat mich ja nicht rein gelassen. Deshalb habe ich mein eigenes Becken aufgemacht. Darin geht es recht gemütlich zu und es gibt nur hübsche und harmlose Tiere. Und jede Menge Clown-Fische.
Startet jetzt die Hollywood-Karriere des Michael Herbig?
Das würde ich so nicht sagen. Ich habe zwei schöne Szenen gedreht und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es ist tatsächlich so, wie man es sich vorstellt. Es war eine sehr spontane Sache, das Angebot kam im November oder Dezember. Sie haben mich angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, das zu machen. Es finden immer wieder mal Gespräche statt, das ist nichts Ungewöhnliches. In dem Film gab es einen Charakter, der gut gepasst hat. Es gab kein Vorsprechen, es hieß nur „Komm und spiel“. Das klang gut. Alle haben ganz toll mitgearbeitet, damit ich noch auf die Schnelle ein Arbeitsvisum bekomme. Ich war zwei Wochen drüben und habe gedreht. Und jetzt bin ich wieder hier.
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