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Kurioser Atlas: Entenhausen und Schilda

So stellt sich der Illustrator Steffen Hendel das Schlaraffenland im „Atlas der fiktiven Orte" vor.
So stellt sich der Illustrator Steffen Hendel das Schlaraffenland im „Atlas der fiktiven Orte" vor.

Der Schulatlas gehört zu den Büchern, die keiner so schnell vergisst. Weniger wegen der Karten zur Wirtschaft im Rhône-Delta, zur Metallindustrie im Donez-Becken oder zur mittleren Vereisung der Ostsee. Aber mit dem Atlas auf der Bank ließ sich die eine oder andere Stunde nutzen, um über Reiseziele für spätere Jahre zu brüten oder – wichtiger noch – auch darüber, mit wem man dann überhaupt auf Reisen gehen könnte. So sind die Atlanten von Diercke (West) und Haack (Ost) auch vielen noch in Erinnerung, die ihre Schulzeit längst hinter sich gelassen haben.

Die Atlas-Nostalgie hat nun mehrere Verlage auf die Idee gebracht, originelle Weiterentwicklungen des Schulbuchs auf den Markt zu bringen: vom „Atlas der abgelegenen Inseln“ über den „Atlas inspirierender Orte“ und den „Atlas der fiktiven Orte“ bis hin zum „Atlas der Vorurteile“. Zu den besonders gelungenen Büchern gehört die Abhandlung von Werner Nell über erfundene Orte, die auf keiner einzigen ordentlichen Weltkarte zu finden sind, die aber trotzdem jeder kennt: Entenhausen zum Beispiel, eine fiktive Kleinstadt im amerikanischen Bundesstaat Calisota, mit Sehenswürdigkeiten wie Onkel Dagoberts Geldspeicher und Nachbarorten wie Erpelstedt und Quakenbrück. Vergleichbar auch mit Schilda, Mittelerde oder Lummerland.

Gleiches gilt für den Inspirations-Atlas von Stephan und Wiebke Porombka über Orte, wo man besser auf Gedanken kommt als anderswo: In der Zusammenstellung findet sich Manhattan ebenso wie die Südsee, aber auch – was überraschender ist – der Alexanderplatz in Berlin oder das Klo. Auf dem „stillen Örtchen“ sollen zum Beispiel dem Reformer Martin Luther (1483-1546), der sein Leben lang an Verstopfung gelitten haben soll, die besten Gedanken gekommen sein.

Vorurteilen und Klischees eine Heimat geben

Im Vorurteils-Atlas, den der bulgarische Satiriker Yanko Tsetsov entwickelt hat, finden sich Landkarten, auf denen man erkennen soll, was die verschiedenen Nationen tatsächlich voneinander halten. Die Deutschen verbinden demnach automatisch Ungarn mit Gulasch, Österreich mit Schnitzel und Holland mit Hasch. Sie selbst wiederum sind für die Bulgaren gleich VW und für die Italiener Pünktlichkeitsfanatiker. Im Vatikan wird bei Deutschland angeblich gleich an „hübsche blonde Jungs“ gedacht. Ungewöhnlich gezeichnete Welt-Grafiken gibt es im englischsprachigen Atlas „A Map of the World“.

Wem die Besonderheiten zu viel werden, der kann immer noch zum Schulatlas zurückgreifen – der „Diercke“ ist an Gymnasien nach wie vor im Gebrauch. Den Original-„Haack“ aus DDR-Zeiten hingegen gibt es nur noch im Antiquariat.

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