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Premiere: Zwischen Schlacht und Schmaus

Frank Voigtmann (links) mit dem Ensemble bei einer Probe des Stücks.
Frank Voigtmann (links) mit dem Ensemble bei einer Probe des Stücks.

Gängige Kriterien funktionieren nicht, weiß Frank Voigt-mann, wenn er derzeit am Schauspielhaus Neubrandenburg Fernando Arrabals „Picknick im Felde“ inszeniert. „Wenn zu einem guten Stück eine geschickt konstruierte Handlung gehört, eine subtile Charakterzeichnung oder Motivation der Figuren, ein klar umrissenes Problem oder Spiegelbild eines Zeitalters– dieses Stück hat all das nicht“, sagt der Regisseur, weiß aber ebenso die Qualität der Groteske zu beschreiben „in einer bildhaften Angstvorstellung“. Eine bildhafte Ausdrucksform sucht er daher, um das „Moraline“ des Stücks zu umgehen.

Denn immerhin entstand sie vor gut 60 Jahren vor dem noch recht präsenten Erfahrungshintergrund des Krieges, jene Situation eines Schlachtfeldes, auf dem der gelangweilte Soldat Zapo erst von seinen Eltern mit einem Picknick und dann von seinem gegnerischen Ebenbild Zepo überrascht wird – und schließlich von der Frage, warum überhaupt der Krieg geführt wird. „Natürlich müssen wir dieses Stück für heute aufbereiten – zumindest die Verdrängung von Tatsachen und Risiken hochaktuell ist“, sagt Voigtmann, der in Neubrandenburg bereits das Jugendstück „Stones“ und die Komödie „Elling“ inszenierte; letzteres wie die meisten seiner Regie-Arbeiten gemeinsam mit Ausstatterin Hannah Hamburger, die auch das „Picknick im Felde“ ins Bild setzt.

Absurdes Theater muss heute die Situation "versinnlichen"

In eine Brache etwa, die nicht nur für Krieg stehen mag, sondern auch für Naturkatastrophen oder Investruinen; und die kontrastiert wird mit „all dem Schönen, was der Picknickkorb zutage fördert“, verrät die Bühnenbildnerin, die im Spiel mit poetischen Bildern dem Publikum viel Assoziationsraum bieten will.

„Es ist eine Ästhetik unserer Zeit“, bestätigt Frank Voigtmann. Gerade weil absurdes Theater heutigen, eher naturalistisch durch Fernsehserien Doku-Formate geprägten Sehgewohnheiten recht fremd ist, gilt es nicht nur mit der Sprache umzugehen, sondern die Situation zu „versinnlichen“.

Auf unterhaltsame Weise nach dem Monströsen suchen

Einschlägige Bilder im Kopf hat schließlich das Publikum der Gegenwart nur mittelbar. Wichtig ist dem Regisseur indes, dass es nicht vordergründig um den Krieg geht: „Wir haben auch heute keine friedliche Welt. Es gibt viele Bedrohungen, die wir verdrängen“, sagt er und verweist auf Deutschlands Rolle als Waffenexporteur – für Auseinandersetzungen, die weit entfernt ausgetragen werden und die Menschen hierzulande vermeintlich nicht betreffen.

„Das Stück spiegelt eine Welt, die jeglichen Sinnes entbehrt“, stellt Voigtmann fest. Die Frage der Figuren nach dem Sinn ihres Tun mündet indes nicht in Auflehnung, sondern in Vernichtung. Und das Ensemble begibt sich auf die Gratwanderung – „plakativem Theater gegenüber bin ich sehr empfindlich“, bekundet der Regisseur –, auf unterhaltsame Weise nach dem Monströsen zu suchen: „Nach dem Comic“, sagt Frank Voigtmann, „nach dem Tanz auf dem Vulkan.“

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