
| Förderpreis |
von Susanne Schulz
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Neubrandenburg. So leicht „gewöhnt“ man sich nicht an Lob und Preis. Beides ist Judith Zander schon reichlich zuteil geworden, seit ihr Debüt-Roman „Dinge, die wir heute sagten“ veröffentlicht wurde, doch die 30-Jährige bleibt betont ruhig: „Über Preise denke ich wenig nach“, sagt die gebürtige Anklamerin. Der von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft vergebene Uwe-Johnson-Förderpreis immerhin – dessen Juroren ihr Buch unter den Prosa-Debüts der vergangenen zwei Jahre einhellig und unangefochten vorn sahen – sei „ein sehr schöner Preis, und sehr überraschend“.
Uwe Johnson gehört zu jenen Autoren, die der mittlerweile in Berlin heimischen Literatin wichtig sind. „Ich lese ihn gern, habe aber nicht alles von ihm gelesen“, sagt Judith Zander, die den für seine konsequenten Erzählstrukturen gerühmten Preis-Namensgeber sehr bewundert für die stimmige Kombination von Formalität und Inhalt. „Das mag schwierig wirken, geht aber nie zu Lasten der Verständlichkeit“, stellt sie fest.
Ihr Roman entwirft die Geschichte aus einem vorpommerschen Dorf namens Bresekow in vielstimmiger Erzählweise, wie sie auch Johnsons „Mutmassungen über Jakob“ eigen ist. „Aber er ist ja längst nicht mehr der einzige, der solche Form wählte“, wiegelt sie allzu vordergründige Vergleiche ab.
Weitere Querverbindungen – wie die Tatsache, dass Uwe Johnson, geboren 1934 im pommerschen Cammin (heute Kamien Pomorski), seine ersten zehn Lebensjahre in Anklam verbrachte, wo auch Judith Zander aufwuchs, oder der Umstand, dass in ihrem Buch der irische Germanist Michael als Kurzzeit-Besucher in Ostvorpommern nach möglicher Wirkung eines Uwe Johnson forscht – sollten nicht verleiten, daraus die Entscheidung für die Uwe-Johnson-Förderpreisträgerin zu erklären. Ihr Buch – erstmals „aufgefallen“ durch die Vorstellung eines Ausschnitts bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – ist einfach in der Substanz seines Inhalts und der Beherrschung seiner Form das herausragende Prosa-Debüt der jüngsten Zeit.
Im „Zentrum des Nichts“ verortet Judith Zander jenes Bresekow, eines Nichts, „das sich kurz hinter Berlin auftut und bis Rostock nicht aufhört. Ein hässliches Endlein der Welt, über das man besser den Mund hält.“ Was es dennoch alles zu sagen gibt über Bresekow und seine Menschen, wird aufgerührt durch den Tod der alten Anna Hanske und den Besuch ihrer Tochter Ingrid, die vor vielen Jahren fortging, nach Berlin und schließlich nach Irland. Die Sehnsucht, hier herauszukommen, und der Druck zu bleiben gehören zum zum Bresekower Mikrokosmos genauso wie Verschüttetes und Verdrängtes, alte Geschichten und neue Hoffnungen, Enttäuschungen und Erwartungen.
Ingrids aus Gegenwart und Erinnerung verflochtene Lebensbilanz ist eine der Erzählerstimmen, die ein mehrere Generationen umfangendes Netz knüpfen von der greisen Nachbarin über die „Mittelalten“ mit ihren gebrochenen Biografien bis zu den Jugendlichen, die das Nichts auf der Elpe, dem früheren LPG-Gelände, auszuhalten versuchen – oder wie die Mädchen Romy und Ella verzaubert sind von Ingrids Sohn Paul, der wie der junge McCartney aussieht.
In Songtexten der Beatles fand Judith Zander nicht nur den Titel, sondern auch den „Soundtrack“ ihres Romans. „Ich weiß nicht, wie sie da hineinkamen. Irgendwann waren sie da, und ich fand, dass sie zur Geschichte und zu den Figuren passten“, erklärt die Autorin. Passagen aus „Let It Be“ oder „Blackbird“, „Octopus’ Garden“ oder „Hello Goodbye“ machen John & Paul ebenso zu gleichrangigen Kommentatoren des Geschehens, wie sich „Die Gemeinde“ gleich dem Chor im antiken Drama mit schlaglichtartigen Anmerkungen in breitem Platt zu Wort meldet.
In der Vielzahl der Stimmen beeindruckt, wie jede ihren eigenen Erzählton aufweist, die alte Frau von nebenan wie die Bengels von der Elpe, die frustrierte Lehrerin wie der debile Henry. Auch hier ist es für die Autorin schwer zu beschreiben, wie sich das jeweils Originäre herstellen lässt: „Vielleicht muss man mit diesen Stimmen aufgewachsen sein“, mutmaßt Judith Zander. Stoff und Sprache hätten sich halt angesammelt und konnten im Schreibprozess „abgerufen“ werden: „Ich konnte mir die Leute vorstellen, hörte sie sprechen – ohne dass jemals etwas eins zu eins abgebildet worden wäre.“
Dass sich Menschen aus ihrer vorpommerschen Heimat wiederzuerkennen glauben, konnte dennoch nicht ausbleiben. Pikierte Reaktionen haben die Autorin selbst nicht erreicht; ihre Eltern indes, die noch in Anklam leben, wurden mehrfach darauf angesprochen: „Ich bin weit weg; sie müssen es ausbaden, wenn sich Leute porträtiert fühlen...“
Viel zu düster werde das ländliche Ostvorpommern da gezeichnet, ist ein ebenfalls erwartbarer Einwand – einer, wie ihn selbst TV-Krimis einstecken müssen, à la „So ist unser Land/sind unsere Menschen nicht“. Das muss Literatur dürfen, zumal wenn sie gespeist ist aus dem, was – so Judith Zander – „man pathetisch Heimat nennen kann“. Jene Heimat als Nährboden ihres Buches zu sehen, erscheint der Autorin ein wenig „schmarotzerisch“. Doch ebenso notwendig war, was sie „Differenzerfahrung“ nennt: „Ohne aus Vorpommern wegzugehen, hätte ich das nicht schreiben können, ich brauchte den Abstand.“ Als Lyrikerin längst namhaft, setzt Judith Zander mit ihrem ersten Roman Maßstäbe.
Zur Autorin
Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte in Greifswald, danach am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Die in Berlin lebende Autorin veröffentlichte Lyrik und Prosa in Zeitschriften und Anthologien, war zudem als Übersetzerin aus dem Englischen tätig. 2007 erhielt sie den Lyrikpreis beim 15. „Open mike“ der Literaturwerkstatt Berlin, 2009 den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März. Für ihren Debütroman wurden ihr der Preis der Sinecure Landsdorf und der 3sat-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zuteil; außerdem schaffte es das Buch im vergangenen Herbst auf die Shortlist der sechs besten Neuerscheinungen für den Deutschen Buchpreis, war nominiert für den aspekte-Literaturpreis und den Rauriser Literaturpreis. Im Frühjahr erschien im dtv ihr Gedichtband „oder tau“.
Someday when I’m lonely
wishing you weren’t so far away
Then I will remember
Things we said today
Songtext der Beatles aus dem Jahre 1964
Irgendwann wenn ich einsam bin
Wünschend du wärst nicht so weit weg
Werde ich mich erinnern an
Dinge die wir heute sagten
Ins Deutsche übertragen von Judith Zander