Juli 20, 2011
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Leseprobe

Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten.
Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten. dtv München, 480 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-423-24794-8.

„Zu spät, ihm irgendetwas anderes zu erzählen“

„Hallo. Ingrid“, sagte ein blaugefrorener Mund. „Wie schön.“
Du begriffst einen Augenblick nicht, dass der Satz schon zu Ende war. Er gab dir nicht die Hand. Er stand direkt vor dir.
„Hallo. Michael.“

Er nickte, als ob du etwas richtig gemacht hättest. Du versuchtest dich zu entscheiden, ob seine Augen braun oder grün waren, denn hinsehen konntest du nicht. Du versuchtest dich zu erinnern, ob du in der Nacht mit ihm geknutscht hattest, in der lauten Nacht, eingekeilt zwischen Mänteln, Haaren, Kotze und Knallern, Herren- und Heimatlosen, Kommilitonen, euren, und ob es noch im alten oder schon im neuen Jahr gewesen war. Das war doch wichtig. Du versuchtest, freundlich zu sein.

Du konntest ihn lange nicht richtig anfassen.

Es kam dir nicht richtig vor. Er war doch ein Fremdling in deiner Sprache. Du glaubtest, er würde alles falsch verstehen. Du würdest alles erklären müssen. Du glaubtest, er könne das nicht lernen: akzentfrei mit dir zu reden. Wenn es schon sonst keiner konnte, nicht wahr. Du fingst an, dein Englisch auszubessern. Eine Probe: Für dieses Buch hattest du gerade noch genug Geld. Du kauftest es und schenktest es ihm. Du hattest gehört, es solle schwierig sein. Du aßt Michaels Brot und Michaels Suppen und fragtest ihn, warum er es nicht lese. Du hättest deinen „last penny“ dafür gespendet. Warum er denn überhaupt so einen Scheiß wie Germanistik studiere. Wo einem doch am Ende nur noch Goethe überall rausläuft, wo man nur noch Goethe sabbert und nach Goethe stinkt, pfui Deibel. Michael tat so, als hätte er nicht alles verstanden. Er sagte, dass WILHELM MEISTER ihn genug beschäftige. Da könne er sich nicht noch MUTMASSUNGEN „about some jakob“ leisten. Er fragte dich, ob das hier eine Landschaft sei. Eine halbe Stadt mit ein paar „trees at the fringe“. Er fragte, wo du später arbeiten wolltest. Du sagtest, du wolltest keine Ponyfrisur. Er lachte.

Zwei Jahre später standest du heulend zwischen den englischen Baumfransen. Schwanger. Dieses Kind würdest du behalten, so viel war klar. Es war euer Kind. Ingrid war seine Mutter und Michael sein Vater.

Du stürztest dich in die Gärten. Du dachtest nicht darüber nach, was dir an dieser Inszenierung von Natur lag. Ob das eine Landschaft war. Die Gärten gefielen dir einfach, und das war etwas in dieser Zeit. Ein Gefühl so gut wie neu. Manchmal verreistest du für ein paar Tage. Die Bücher nahmst du mit, dein Notizheft, ein wenig Proviant. Dein Bauch hielt den schweren Rucksack im Gleichgewicht. Wenn du, nicht selten durchnässt, immer hungrig, am Abend in dein B&B-Zimmer kamst oder, wenn du nur in der näheren Umgebung geblieben warst, in den kleinen, halbvergessenen Gärten Norfolks, zu Michael in die Wohnung, fühltest du dich wie ein aus seinen Diensten entlassener Einsiedler. Es schien dir merkwürdig, die Länge deiner Haare und Nägel unverändert zu finden. Nur dein Bauch wuchs. Du dachtest: Er wächst, immer weiter. Du wusstest nicht genau, wen du meinst mit >er<. (...)

Die Wehen setzten im Morgengrauen ein, fast einen Monat zu früh. Paul wurde in einem Krankenhaus in Norwich geboren. In Kinsale, in Irland, in einem Haus, vor das du noch nicht das Wort >dein< zu setzen wagtest, erreichte dich zehn Jahre und einen Tag später der erste Brief von Peter. Du sahst ihm sofort die zahllosen Anläufe an. Die Handschrift war gleichmäßig, ohne Fehler oder Verbesserungen, und die Absätze – schon allein, dass es welche gab – passten nicht recht zusammen, schienen Konzentrate von im Laufe der Zeit entworfenen und wieder verworfenen Briefen zu sein. „Jetzt, wo es geht“, schrieb Peter. Es gelang dir nicht herauszufinden, worum es ihm ging. Du stelltest dir vor, Peter hätte bis jetzt gebraucht, um deine Adresse herauszufinden, sich deiner Anwesenheit im selben Raum-Zeit-Kontinuum zu versichern. Es erschreckte dich. Dass das immer noch ging. Dass es so etwas wie Peters Anwesenheit gab. Adressen. Die grundsätzliche Erreichbarkeit, sofern in siebzehneinhalb Jahren für dich und ihn in etwa siebzehneinhalb Jahre vergangen waren. Du hattest nicht geschrieben. Damals, als es nicht ging. Du wolltest keine Schwierigkeiten machen. Peters Brief war wie das Nicken von Michael, damals. Du schriebst zurück. Du machtest viele Absätze.

Michael wusste von diesem fernen Bruder. Hinter der Mauer, hinterm Mond, zu fern für dieses Leben. Peter war dein Zugeständnis an Michael gewesen. Es war zu spät, ihm etwas anderes zu erzählen. Als der zweite Brief kam, zwei Jahre darauf, ein hastiger, zugleich scheuender, mit vielen Streichungen zusammengequälter Brief, war es endgültig zu spät, ihm irgendetwas anderes zu erzählen.

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