
| Uwe-Johnson-Tage |
von Susanne Schulz
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„Da müssen wir noch mal drüber reden?“ – diesen Satz hören die Eltern von Judith Zander oft: Nachbarn und Bekannte in Anklam glauben sich, und das in aller Regel nicht allzu vorteilhaft, beschrieben in dem Roman „Dinge, die wir heute sagten“. Verortet in einem vorpommerschen Dorf namens Bresekow, muss das Buch seinen Anspruch behaupten auf das Recht der Literatur, Reales mit Erfundenem zu mischen. Zutiefst dankbar ist die junge Schriftstellerin ihren Eltern daher für „die Standhaftigkeit und den Mut“, mit denen sie die Reaktionen ausbaden, während sie selbst längst „mit Sicherheitsabstand“ in Berlin lebt und sich die Freiheit nimmt, etwaige „Drüber reden“-Anrufe oder Mails unbeantwortet zu lassen.
Doch heimatlich fühlte sich die 30-Jährige allemal, als sie am Wochenende nach Neubrandenburg kam, um für ihr Romandebüt den Uwe-Johnson-Förderpreis der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft in Empfang zu nehmen. „Ich bin hier zu Hause“, sagt sie im Gespräch mitdemJurymitglied und MDR-Literaturredakteur Michael Hametner über den Nordosten, „das bedeutet ja nicht, alles nur wunderbar zu finden.“ Schließlich ist Heimat für sie ein Ort und ein Begriff, mit dem sie sich auseinandersetzen will, und zwar durchaus nicht „aus erhöhter Perspektive“.
Aus einem kunstvoll verknüpften Stimmen-Netz gestaltet Judith Zander in dem Roman Gegenwart und Vergangenheit jenes Dörfchens „im Zentrumdes Nichts“, in dem es einiges zum Drüber-Reden gibt, als zur Beerdigung der alten Anna Hanske deren Tochter erwartet wird, die als junge Frau in den Westen ging und ihren geistig behinderten Sohn zurückließ, der nunmehr in einem Heim lebt, seit er unter unglücklichen Umständen den Tod einer Nachbarin verschuldet hat. Der Besuch – samt irischem Ehemann und einem dem jungen Paul McCartney verblüffend ähnelnden Sohn – bringt Unruhe auch ins Leben der Mädchen Romy und Ella und ihrer mit dem Leben hadernden Eltern. Ganz zu schweigen vom plattdeutschen Chor der Dorfgemeinschaft, der die großartig individualisierten Stimmen aus drei Generationen bruchstückhaft-urig kommentiert.
Eine noch während des Studiums am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig entstandene Erzählung um die drei jungen Leute in einem solchen Dorf gab der Autorin vor Jahren das Gefühl, dass in diesem Stoff mehr stecke, „dass dieses Dorf einen Keller hat – und wie sich herausstellte, hatte es mehrere“. Die für eine junge Frau, die nur als Kind die letzten DDR-Jahre erlebte, verblüffend verständige Perspektive der Älteren und Alten erklärt Judith Zander mit dem Interesse für die Generation der eigenen Eltern: „Ich wollte mir nicht vormachen, herkunftslos zu sein.“ Ein weiteres Motiv ist das Aufgewachsensein in der „doppelten Provinz“: innerhalb der DDR auch noch in Vorpommern, das unter diesem Namen noch nicht einmal gelitten war. Dem „Abgeschriebensein“ dieses Landstrichs im Sinne von Nicht-beschrieben-Sein setzt sie nun etwas entgegen, wissend: „Es gibt tatsächlich nicht viele Leute in dieser Gegend, die das zu Literatur machen wollen.“
Einer davon war eben Uwe Johnson (1934-1984), aus dem pommerschen Cammin (heute Kamien Pomorski) stammend, zunächst in Anklam, dann in Güstrow aufgewachsen und schon in jungen Jahren zu einem Autor gereift, der später – aus der DDR fortgegangen nach Westdeutschland, New York, England – die großen Dramen der Welt in den Biografien der vermeintlich kleinen Leute zu spiegeln vermochte. Jene Gemeinsamkeiten im biografischen Hintergrund wie auch in der Fähigkeit, im Schicksal der Figuren deren Herkunft deutlich zu machen als Beweis, dass laut Johnson „Biografie unwiderruflich ist, benannte denn auch Germanistikprofessor Carsten Gansel, Vorsitzender der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft, und verwies auf die einstimmige Jury-Entscheidung: „Eine heiße Kandidatin“ hätte Judith Zander auch sein können bei der Vergabe des „großen“ Uwe-Johnson-Preises, den die Literaturgesellschaft im nächsten Jahr wieder gemeinsam mit dem Nordkurier ausschreibt.
Dass der Förderpreis nicht um „äußerer“ Parallelen willen vergeben wurde, belegte Katrin Hillgruber in ihrer Inhalte auslotenden Laudatio. Diese Aufgabe habe sie „zur Wiederbeschäftigung mit Uwe Johnson“ verführt, verriet die Journalistin und Literaturkritikerin, die über Johnson ihre Magisterarbeit geschrieben hatte. „Zweimal Ingrid oder Eigensinn und Wahrhaftigkeit?“ wählte sie als Thema ihrer Analyse, in der sie die genannten Eigenschaften sowohl den Autoren Uwe Johnson und Judith Zander als auch deren Romanfiguren Ingrid Babendererde und Ingrid Hanske zuweist. Gemeinsam sei beiden übrigens auch der „Sehnsuchtsraum“ der englischen Sprache, dem Judith Zander Songtexte der Beatles (wie auch den Titel ihres Buches) entlehnt. Und die Formel „however“ (wie auch immer), die sie wiederum dem heimatlichen Rauschen der Ostsee ablauscht.
Ein „Rauschen“ ist es überhaupt, was Judith Zander von Literatur und von sich als Autorin verlangt: ein Rauschen im Sinne von Unschärfen zwischen sich und dem Geschehen, auch zwischen den Figuren: Der Roman dürfe kein in sich abgeschlossenes Modell der Welt sein, keine Absolutheitbeanspruchen, schon gar nicht die „eine“ Wahrheit. So bestätigt sie im Werkstattgespräch auch Hametners Deutung der Vielstimmigkeit als „mutmaßendes Erzählen“, das die „Wahrheiten“ der einzelnen Figuren zusammenfüge. Dass jede Figur für sich wahrhaftig sei, benennt die Autorin ihren Anspruch: Bei Uwe Johnson bewundere sie immer wieder die Zwangsläufigkeit, dass Personen „nur genau so heißen können, sein können, reden können“; und bei der Arbeit an „Dinge, die wir heute sagten“ habe sie selbst erleben dürfen, wie ihre Figuren diese Eigenständigkeit erlangten.
Der Begriff Heimat schließlich – auch wenn sie ihn als Kategorie, als Schublade gar ablehnt – werde als literarischer Stoff nie wirklich ausgereizt sein: „Es gibt keine Literatur, die sich nicht mit der Herkunft ihres Schöpfers auseinandersetzt. Selbst bei fernen Schauplätzen wirkt Heimat als Differenz“, stellt sie fest. Bis zu ihrem Romandebüt vor allem als Lyrikerin und Übersetzerin in Erscheinung getreten, richtete sie ihren Dank für den Uwe-Johnson-Förderpreis nicht nur an die Mecklenburgische Literaturgesellschaft, die sich bei der Entscheidung „nicht abschrecken ließ von der Offensichtlichkeit“ der Verbindungslinien; und ihrem Lektor Günter Opitz beim Deutschen Taschenbuch Verlag, der sich als „idealer Leser“ erwies; sondern auch an alle, „die mich nicht auslachten, als ich einen Roman zu schreiben begann“. Auch ihr in diesem Jahr veröffentlichter, ebenfalls mit viel Aufmerksamkeit und Lob aufgenommener Gedichtband „oder tau“ lässt erwarten, dass dieseAutorin noch vielfach von sich reden machen wird.