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Wenn er orgelt, kommt sogar die Jugend in die Kirche

Schluss mit dem verstaubten, spröden Image: Tobias Frank setzt bei Orgelmusik auf neue Konzepte.
Schluss mit dem verstaubten, spröden Image: Tobias Frank setzt bei Orgelmusik auf neue Konzepte.

Orgelmusik – nicht gerade wenige schlagen schon bei dem Wort die Hände überm Kopf zusammen. Wie schaffen Sie es, Menschen für diese Musik zu begeistern?
Es liegt allein schon am Auftreten, also an der Vermarktung der Internationalen Orgeltage. Schließlich möchte ich ja eine Marke etablieren.

Was ist die Marke?
Das ist die Gemeinde St. Johannis und ihre Musik. Dazu gehört natürlich ein ansprechendes Erscheinungsbild. Damit eng verbunden ist eine zeitgemäße Werbung. Dass dies gelingt, arbeiten wir mit einer Neubrandenburger Kommunikationsgemeinschaft zusammen.

Das kann natürlich noch nicht genügen, um alles frisch und jugendlich und zeitgemäß zu gestalten?
Wir versuchen einen gewissen Service zu bieten: Das Publikum genießt den ersten Teil des Konzertes, in der Pause gibt es in der Winterkirche ein Catering und dann geht‘s weiter. Die Orgeltage wollen eine gesellschaftliche Plattform bieten, bei der Menschen miteinander ins Gespräch kommen.

Nichtsdestotrotz stehen die Klassiker wie Bach, Bartholdy oder Brahms auf dem Programm?
Das stimmt. Aber wir mischen auch Jazzelemente mit ein. Oder nehmen wir die Orgelnacht am 17. Mai: Da wird die Kirche in einem stimmungsvollen Lichtkonzept erstrahlen.

Ihre Inszenierungen sind eher kirchenuntypisch. Haben Sie schon mal den Bogen überspannt?
Sicher gab es schon hin und wieder Kritik. Das liegt aber meist daran, weil dem einen oder anderen das kreative Konzept und die ungewöhnliche Herangehensweise fremd ist. Manche nähern sich Kirche und Orgelmusik zu verkopft. Ich möchte die Menschen über Emotionen erreichen. Diesem Aspekt wird im kirchlichen Bereich jedoch ab und an zu wenige Beachtung geschenkt.

Und der Pastor, Ihr Chef, lässt Sie machen?
Bei meinem Pastor ernte ich viel Zustimmung. Er vertraut mir und denkt: „Wenn der das macht, hat es Hand und Fuß“. Das ist auch gut so. Die traurige Wahrheit sieht doch so aus, dass überwiegend Orgelkonzerte vor 30 Leuten gespielt werden. Mittlerweile ziehe ich mit meiner anderen Herangehensweise 100 bis 250 Menschen pro Konzert während der Internationalen Orgeltage an.

Suchen sich die Besucher denn bestimmte Konzerte mit bestimmten Komponisten aus?
Ich erlebe hier ein besonders neugieriges Publikum. Da muss es nicht immer Johann Sebastian Bach sein.

Ihnen liegen die jüngeren Zuhörer am Herzen. Mussten Sie dafür die Programmgestaltung umstellen?
Ich möchte generell kein zu elitäres Programm haben. Es soll eine gute Mischung zwischen Entspannung und Nachdenken sein. Deshalb behalte ich es mir auch vor, Einfluss auf die Programme der Künstler zu nehmen.

Auf welche Komponisten fahren die Jungen denn ab?
Es sind gar nicht einmal so sehr spezielle Komponisten oder ein bestimmtes Programm. Die Faszination geht vielmehr vom Kirchenraum, der nicht alltäglichen Atmosphäre und diesem unglaublichen Klang, den akustischen Schwingungen im Raum aus. Also dem physischen Erleben der Orgel.

Wenn Sie von einem jüngeren Publikum reden, von welcher Altersgruppe sprechen Sie?
Es ist das Abiturienten- und Studentenalter. Aber auch junge Ehepaare aus der Gruppe der 25- bis 50-Jährigen. Diese Mischung ist faszinierend, weil diese Altersgruppe ansonsten in vielen Konzerten aller Art völlig unterrepräsentiert ist. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass wir keinen Eintritt verlangen und die Jüngeren dennoch Kultur erleben können. Gerade bei Orgelkonzerten überlegen es sich viele bei hohen Eintrittspreisen zwei Mal. Hier kann jeder kostenlos testen – und bei Gefallen eine Spende geben.

Viele der Besucher haben dementsprechend auch gar nicht so viel mit Kirche und Glauben am Hut?
Viele denken, dass man eine Kirche nur betreten dürfe, wenn man fromm oder Kirchenmitglied ist. Das spielt aber gar keine Rolle. Das musikalische Erlebnis steht in diesem Fall im Vordergrund.

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