Natürlich gibt es Streit – das gehört zur weltwichtigsten Kunstschau dazu. Carolyn Christov-Bakargiev, die schillernde Chefin der documenta, muss sich allerdings ungewöhnliche Vorwürfe anhören. Sogar von Zensur ist die Rede.
Kassel
dapd-KorrespondentStephan Loichinger Der Leiterin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, wird unmittelbar nach der Eröffnung der weltweit größten Schau zeitgenössischer Kunst weiter Zensur vorgeworfen. Vor dem Eingang des Kongress Palais, wo Christov-Bakargiev in Kassel ihre Ausgangsthesen für die Ausstellung vorstellte, machten Künstler darauf aufmerksam, dass die documenta-Chefin eine Ausstellung des Bildhauers Stephan Balkenhol habe verhindern wollen.
„Noch nie hat die künstlerische Leitung einer documenta so viel Einfluss darauf genommen, dass bestimmte Kunst verschwindet“, sagte die Künstlerin Siglinde Kallnbach, die mit Jesus-Posen und der von der Occupy-Bewegung bekannten Guy-Fawkes-Maske auf „die Offenheit und Freiheit der Kunst“ hinweisen wollte. Balkenhol hatte vor seiner in einer katholischen Kirche in der Kasseler Innenstadt zu sehenden Ausstellung berichtet, die documenta-Leitung habe von ihm einen Rückzug gefordert. Der Geschäftsführer der documenta, Bernd Leifeld, sprach angesichts einer Balkenhol-Figur auf dem Kirchturm von einem „autoritären Akt“. Künstlerin Kallnbach sagte, Christov-Bakargiev habe auch bewirkt, dass eine zeitgleich zur documenta geplante Ausstellung des Künstlers Gregor Schneider in einer evangelischen Kirche in Kassel abgesagt wurde. Das sei der documenta unwürdig und eine Blamage für deren Leiterin. „Kassel ist groß genug für Kunst. Die documenta muss auch andere Sachen neben den ihren gelten lassen“, forderte Kallnbach.
Christov-Bakargiev betonte dagegen, sie habe nichts zensieren wollen und würde „so etwas nie tun“. Sie habe Balkenhol lediglich gefragt, ob er es für angebracht halte, eine weithin sichtbare Figur am Friedrichsplatz, traditionell einem der zentralen Orte einer documenta, auszustellen. Balkenhol habe daraufhin gesagt, er tue dies. Dabei habe sie es belassen. „Ich habe auch nicht gefordert, dass der Herkules auf der Wilhelmshöhe abgebaut wird“, fügte sie ironisch an.
Der Künstler Gregor Schneider beharrt darauf, die evangelische Karlskirche habe seine Ausstellung nach einer Intervention abgesagt. Eine documenta-Sprecherin bestritt jede Einmischung.
Hingegen bestätigte Thomas Erne, einer der Juroren, die Schneider für die Schau in der Karlskirche ausgewählt hatten, dass die documenta-Leitung „massiv Druck“ auf die Kirchenführung ausgeübt habe. „Einzelheiten der Gespräche sind mir nicht bekannt, aber die documenta-Leitung hat mit dem Abbruch der bislang guten Beziehungen gedroht“, sagte der Professor für Kirchenkunst.
„Jesus sprach: Wenn ihr betet, so sprecht:
Vater! Dein Name werde geheiligt.“
Lukas 11,2
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