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Ausflug in die Kinderstube des Herings

Meeresbiologe Patrick Polte (hinten) wirft, assistiert von Matrose Michael Höft, ein besonders engmaschiges Netz über Bord in den Greifswalder Bodden. In den Planktonbechern am Ende der sogenannten Bongonetze sammelt sich die winzig kleine Ausbeute.
Meeresbiologe Patrick Polte (hinten) wirft, assistiert von Matrose Michael Höft, ein besonders engmaschiges Netz über Bord in den Greifswalder Bodden. In den Planktonbechern am Ende der sogenannten Bongonetze sammelt sich die winzig kleine Ausbeute.

Mit knapp zehn Knoten stampft die „Clupea“ durch den Greifswalder Bodden. Kapitän Rolf Singer steuert das 29 Meter lange Forschungsschiff durch die kabbelige See. Nördlich der Insel Vilm nimmt der erfahrene Seemann Fahrt aus der Schraube. An Bord streifen sich Fischereibiologe Patrick Polte und Matrose Michael Höft Ölhemden über.
Auf Kommando lassen Polte und Höft ein Fangnetz in die Gischt. Kein gewöhnliches Fischereinetz. Was jetzt im Kielwasser der „Clupea“ treibt, ist ein sogenanntes Bongonetz mit zwei etwa drei Meter langen Trichtertüten aus feinster Netzgaze. Denn zum Fang werden nicht verkaufsfähige Heringe gehören, sondern ihr winzig kleiner Nachwuchs.

Alle 30 Sekunden wird gefischt

Auf der Brücke drückt Juliette Fouquet auf die Stoppuhr. Alle 30 Sekunden erteilt die 22-jährige französische Gastforscherin der Universität Lille die Weisung, das ausgebrachte Netz um einen Meter tiefer in das Gewässer hinabzulassen.
Genau dreieinhalb Minuten später wird die Probe an Deck gehievt. Die Ausbeute, die sich in den beiden Planktonbechern gesammelt hat, wird an Deck in zwei flache Schalen geschüttet. Die leicht trübe Brühe sieht eigentlich wenig spektakulär aus. Für Projektleiter Polte aber ist es ein hochspannendes Sammelsurium quicklebendiger Kleinstlebewesen. Mit Kennerblick mustert er den Fang, dann teilt er seiner Kollegin Dorothee Moll über Funk die geschätzte Anzahl der augenfälligen Lebewesen mit. Nur vom geübten Auge sind die etwa 20 fast durchsichtigen und nur einen Zentimeter langen Heringslarven erkennbar. Auch Zooplankton, Insekten, Pflanzenteile mit Laich, Reste geschlüpfter Mückenlarven, Meerasseln und ein räuberischer Stichling schwimmen im Gefäß.

Nachdem die Fangdaten provisorisch im Computer gespeichert sind, kommt die Ausbeute in speziell nummerierte verschließbare Plastikbecher. Die in einer Formaldehyd-Lösung konservierten Lebewesen werden später im Labor des Rostocker Thünen Instituts für Ostseefischerei ganz genau gezählt und untersucht – wochenlange penible Kleinarbeit, an deren Ende eine Schätzung über den Zustand des Larven-Jahrgangs 2013 stehen wird.

Kurz darauf nimmt Kapitän Singer Kurs auf die nächste, genau festgelegte Probefang-Position. Insgesamt 17 Stellen im Bodden wird das Forscherteam heute untersuchen, weitere 18 am Tag danach. Weil auch die aktuellen Lebensbedingungen dokumentiert werden, wird jedes Mal zugleich eine Hydro-Sonde auf den Meeresboden gelassen. Das Hightech-Gerät liefert automatisch jede Sekunde Daten über Wassertiefe, Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt, Wassertrübung und sogar über Phytoplankton-Konzentration an den Computer. Die Technik des erst vor einem Jahr in Dienst gestellten Forschungsschiffs hat den Wissenschaftlern die Arbeit sehr erleichtert. „Wir sind von einem Trabi auf einen Mercedes umgestiegen“, sagt Käpt’n Singer, der schon seit 30 Jahren für die Fischereiforschung auf See unterwegs ist und jetzt im Dienst der Landesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung steht.

An Bord der alten „Clupea“, einem 65 Jahre alten und inzwischen verkauften Forschungskutter, sei es deutlich weniger komfortabel zugegangen, von der wissenschaftlichen Ausrüstung ganz zu schweigen, sagt er. Mit dem neuen Schiff war die Crew auch schon auf Fischexpedition vor Bornholm in der Ostsee und zum wissenschaftlichen Krabbenfang in der Nordsee unterwegs.

Kurz vor Mittag erreicht das Team die Mündung des nördlichen Peenestroms. Der Fang, den die Männer kurz vor Freest aus dem Wasser fischen, sieht deutlich anderes aus als die Proben aus dem Greifswalder Bodden. Die jetzt dunkelbraune Soße ist Leben pur. Millionen von Kleinstlebewesen, viele Wasserflöhe und Ruderfußkrebschen, aber auch Grundel-Larven wuseln in der Schale, ein Zeichen dafür, dass der salzärmere und nährstoffreichere Peenestrom jede Menge Fischfutter in den Bodden spült.
Unter dem Mikroskop sichtet Meeresökologin Moll frischen Laich, der an Pflanzenresten klebt. Sie ist bislang ganz zufrieden: „Die meisten Eier leben. Bei der gegenwärtigen Wassertemperatur von zwölf bis 13 Grad haben sie gute Chancen, sich zu entwickeln, so dass nach ein paar Tagen winzige Heringslarven schlüpfen.“

Enorme Schwankungen beim „Brotfisch“

Seit 1977 erheben die Wissenschaftler im größten Laichgebiet des Ostseeherings auf diese Weise Daten über die aktuellen Bestände des sogenannten Brotfischs der ostdeutschen Küstenfischer. Wenn im Herbst die genauen Labordaten vorliegen, können sie Hochschätzungen über die Rekrutierung treffen. Dabei werden auch Untersuchungen der ein- und zweijährigen Heringsbestände berücksichtigt. Eine Grafik in Poltes Laptop zeigt die enormen Schwankungen.

Noch vor 17 Jahren schätzten die Forscher die Stärke des Herings-Nachwuchses auf bis zu 22 Milliarden Larven. Im Jahre 2008 gab es einen drastischen Einbruch auf nur noch zwei Milliarden Larven. Nach einer Erholung fiel der Nachwuchs auch im vergangenen Jahr wieder spärlich aus. Für dieses Jahr deutet sich dem ersten Augenschein nach wieder ein stärkerer Jahrgang an.
 

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