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Das große Geschäft mit dem braunen Beton

Investor Axel Bering steht an den Bauten des Blocks II in Prora. Die ersten Ferienwohnungen wurden verkauft.  FOTO: Stefan Sauer
Investor Axel Bering steht an den Bauten des Blocks II in Prora. Die ersten Ferienwohnungen wurden verkauft. FOTO: Stefan Sauer

VonMartina Rathke

In Prora, dem einst als NS-Seebad geplanten Megakomplex auf Rügen, wurden die ersten Ferienwohnungen verkauft.

Prora.Axel Bering strahlt mit der Sonne um die Wette. Vom zweiten Stock des einst von den Nationalsozialisten als KdF(Kraft durch Freude)-Seebad geplanten Megabaus in Prora auf Rügen schaut der 51-Jährige auf die Ostsee. „Das ist eine Immobilie in bester Strandlage und nicht vermehrbar. So etwas bekommt man heute kaum noch“, freut sich der Berliner Geschäftsmann. Den Kiefernwald zwischen dem Haus und dem Sandstrand haben er und sein Geschäftspartner Michael Jacobi vom Unterholz befreien lassen. Auch im Haus selbst ist die bis vor kurzem vorherrschende Tristesse uniformer Räume und vergilbter Wände lichter Freundlichkeit gewichen.
Die knapp drei Meter schmalen Zimmer, im NS-Regime ursprünglich als Urlaubsidyll für linientreue Arbeiter und Kleinangestellte gedacht, wurden vergrößert. Für neue Grundrisse ließen die Besitzer Innenwände herausreißen. Fußbodenheizungen werden verlegt und fast bodentiefe Fenster eingesetzt. Prora, von den Nazis als 4,5 Kilometer langes Seebad mit 20000 Betten geplant, gilt als Prototyp einer Ferienanlage, in der die Bevölkerung im Erleben eines billigen Strandurlaubs gleichgeschaltet und für die Nazi-Ideologie begeistert werden sollte. Wegen des Kriegsausbruchs 1939 ging der Bau als NS-Ferienanlage nie in Betrieb. Zu DDR-Zeiten wurde der Komplex militärisch genutzt. Ab 2004 verkaufte der Bund das denkmalgeschützte Megaobjekt scheibchenweise auf dem freien Markt – 3000 Gästebetten dürfen laut B-Plan in unmittelbarer Nähe zu den Hotels und Pensionen des Ostseebades Binz entstehen. Im vergangenen Jahr kauften Bering und sein Geschäftspartner Michael Jacobi knapp einhundert Meter des denkmalgeschützten nationalsozialistischen Erbes.
Der erste Aufgang „Aurum“ sei nahezu verkauft. Von den 30 Wohnungen seien 20 bereits notariell beurkundet, für die anderen zehn Einheiten gebe es ausreichend Interessenten, wie Bering versichert. „Wir verkaufen im Windhundrennen.“ Neben der exzellenten Lage locken Eigennutzer und Kapitalanleger die derzeit niedrigen Zinsen und die Denkmalschutzabschreibung. Eine Wohnung mit 80 Quadratmetern kostet 267 000 Euro. Am Samstag wird für die ersten Ferienwohnungen „Richtfest“ gefeiert – „73 Jahre nach Baubeginn“ wie es unglücklich in der Einladung heißt. Historiker wie der Chef des Dokumentationszentrums Prora, Jürgen Rostock, warnten davor, dass Prora mit dem Verkauf auf dem freien Markt zum Spekulationsobjekt verkommt und ideologische Intention und historischer Kontext, unter denen die Anlage geplant und gebaut wurde, vergessen wird.

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