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Keine Pause am Deich – Angst vor dem Durchbruch

VonIris Leithold

Die sinkenden Pegelstände bringen noch lange keine Entspannung. Die Deichexperten werden alarmiert, wann immer Wachen durchsickerndes Wasser entdecken. Das passiert immer öfter.

Dömitz.Das Telefon klingelt rund um die Uhr. Die Deichexperten des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt gehören in diesen Tagen zu den gefragtesten Menschen in der Hochwasserregion Mecklenburg-Vorpommerns. Sie haben ihren Stab am Stadtrand von Dömitz eingerichtet. Einer von ihnen ist Felix Bujak. Der 28-jährige Wasserbauingenieur steuert seinen Dienst-Geländewagen den Weg hinter dem Dömitzer Elbdeich entlang, bis er ein Fähnchen an einem dünnen Stab entdeckt. Es markiert den Beginn einer großen Pfütze. 30 Meter weiter, an ihrem Ende, steht ein zweites Fähnchen. Bujak steigt aus und schaut sich die Sickerstelle an.
„Das Wasser ist klar, das ist ein gutes Zeichen“, sagt er. Dann prüft er mit der Hand die Feuchtigkeit der Böschung. Nach oben hin wird es schnell trocken, auch das ein gutes Zeichen. „Sickert klares Wasser aus dem Deich, ist das kein Problem“, erklärt Bujak. Erst wenn trübes Wasser kommt, ist das ein Alarmsignal. „Dann wird Sand aus dem Deich gespült. Das kann ihn instabil machen.“ Auch wenn weit oben Wasser durchtritt, deutet das auf eine Schwächung des Schutzwalls hin. Aber das ist hier, an der Dömitzer Festung, bisher nicht der Fall.
Allerdings ist diese Sickerstelle kein Einzelfall. Ständig werden derzeit den Fachberatern des Amtes neue gemeldet. Von Entspannung kann angesichts der sinkenden Elbe-Pegelstände deshalb keine Rede sein, wie Bujaks Chef Walter Klamann sagt. Am Mittwoch stand das Wasser noch immer höher als bei den Elbefluten von 2011 und 2002 und 40 Zentimeter über dem sogenannten Bemessungshochwasser, für das die Deiche gebaut sind. Der enorme Druck lässt die Schutzwälle durchweichen, die Gefahr eines Bruchs wächst.
Eine Katastrophe wie in Fischbeck in Sachsen-Anhalt, wo ein Elbdeich barst und sich seit Tagen Millionen Kubikmeter Wasser über das Land ergießen, will niemand riskieren. Also wird die Entscheidung getroffen, den Deich zwischen Dömitzer Hafen und Festung auf 1,5 Kilometern Länge zu verstärken. Bundeswehrsoldaten und Technisches Hilfswerk rücken mit Lastwagen an. Zwei Meter breites Vlies wird im unteren Drittel der Böschung ausgerollt. Darauf kommt eine Lage Sandsäcke. Die Arbeiten dauern mehrere Stunden. Da sitzt Bujak schon wieder im Auto. Er fährt zum größten „Sorgenkind“ unter den Deichen: In Neu Kaliß am Elbe-Zufluss Elde quoll schon vor Tagen Wasser durch den Damm auf das Feld dahinter.
Auch dort rückten Bundeswehr und Technisches Hilfswerk mit Lastwagen an. Sie legten Vlies aus, damit der Sand zurückgehalten wird und nur das Wasser durchsickert. Zusätzlich zu Sandsäcken luden Kräne sogenannte Bigpacks am Deichfuß ab: die großen Taschen fassen einen Kubikmeter Sand. „So ein Bigpack wiegt 1,5 Tonnen“, sagt Bujak. Da klingelt sein Handy. Er entschuldigt sich, steigt ins Auto.

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