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Klaut das große Schwerin dem kleinen die Einwohner?

VonFrank Wilhelm

Über Jahre hinweg wurden
Hunderte Abwanderer aus Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt offenbar einem brandenburgischen Dorf abgezogen. Jetzt bringt die Volkszählung die Wahrheit ans Licht.

Schwerin.Einen kleinen Schluck hat sich Bürgermeister Heinz Gode aus dem Dorf Schwerin (Dahme-Spreewald) Anfang der Woche dann doch gegönnt. Gerade hatte er erfahren, dass seine Gemeinde, südlich von Berlin gelegen, einen rasanten Einwohnerzuwachs verzeichnet hatte. Statt 600 zählt das Dorf Schwerin nun plötzlich 786 Bürger. Die Volkszählung hat die Wahrheit ans Licht gebracht. Eine Wahrheit, für die Gode seit Jahren gegen das Potsdamer Innenministerium kämpft. Am 27.Juni sieht man sich vorm Verwaltungsgericht.
Seit 2007 muss sich der Bürgermeister mit der Differenz von tatsächlicher und statistischer Einwohnerzahl herumschlagen, seit Zu- und Wegzüge elektronisch erfasst werden. Wenn Bürger ihren Heimatort verlassen, müssen sie sich in ihrem neuen Wohnort anmelden. Dort erfolgt zugleich die Abmeldung. Wenn als alter Wohnort Schwerin angeben wird, ruft der Beamte sein Ortsverzeichnis im PC auf. Da dort Schwerin (Brandenburg) vor Schwerin (Mecklenburg) rangiert, wird in der Regel das erste Schwerin angeklickt, vor allem in Hamburg, sagt Gode. Damit verlor er Bürger, die eigentlich dem mecklenburgischen Schwerin hätten abgezogen werden müssen.
Michaela Christen, Pressesprecherin in der Landeshauptstadt, kennt das Thema. „Da können wir gar nichts dafür“, beteuert sie in Richtung des Dorfes Schwerin. Jahrelang schon stehe das Thema immer mal wieder auf der Tagesordnung der Verwaltung. Eine Lösung gebe es bislang nicht. Das Problem mit der Verwechslung der beiden Orte Schwerin entstehe aber in der Tat bei der An- beziehungsweise Abmeldung per Computer im neuen Wohnort, bestätigt sie.
Ob es schon mal bilaterale Gespräche zwischen Dorfbürgermeister Heinz Gode und Stadt-Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow gegeben habe, könne sie gar nicht sagen, so Michaela Christen. Schwerin hat zurzeit auch ganz andere Einwohner-Probleme im Zusammenhang mit der Volkszählung. Laut Zensus lebten 2011 fast 4000 Menschen weniger in Schwerin als die Statistik auswies. Prozentual entspricht das mit 4,1 Prozent dem höchsten Schwund der großen Städte Mecklenburg-Vorpommerns. Da die Zuweisungen an die Kommunen entsprechend der Einwohnerzahlen erfolgen, muss die Landeshauptstadt mit erheblichen Einbußen rechnen. So gibt’s allein aus dem Länderfinanzausgleich etwa 270 Euro pro Einwohner, sodass Schwerin hier rund eine Million Euro Miese machen würde. Gramkow beschwichtigt aber noch: Die finanziellen Auswirkungen seien bislang nicht absehbar.
Dagegen hat sich ihr Kollege Heinz Gode schon genau ausgerechnet, was die plötzliche Einwohnersteigerung um rund 25 Prozent finanziell bringt. Rund 130000 Euro pro Jahr – ziemlich viel Geld für einen Etat, der insgesamt gerade mal 840000 Euro umfasst.
Da die neue Zahl aber erst in die Berechnung für 2015 einfließt, könne er allenfalls in zwei Jahren von den höheren Zuweisungen profitieren.
Auch einen Nachschlag für die entgangenen Einnahmen dürfte es kaum geben. Obwohlsein Dorfdank der Verwechslung mit dem großen Schwerin immerhin eine halbe Million Euro eingebüßt habe.

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