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Marktplatz steht auf altem Tiermist

VonMartina Rathke

Wo heute Stralsunds Weltkulturerbe glänzt, lagen einst dicke Schichten von Dung. Für Archäologen ist das ein Glücksfall: Vieles blieb so über Jahrhunderte gut erhalten.

Stralsund.Mittelalterlicher Tiermist hat auf dem Alten Markt in Stralsund über Jahrhunderte eine Reihe archäologischer Fundstücke bewahrt. Bei Ausgrabungen vor dem Rathaus stießen Archäologen in der ältesten Schicht des Marktes auf Münzen, eine mittelalterliche Schere, Messingbeschläge und Pilgerabzeichen. Zwar sei der Markt von Zeit zu Zeit von Unrat gereinigt worden, doch verlorene Gegenstände seien gut in den Schichten konserviert worden, sagte Grabungsleiterin Tanya Armbruester bei der Vorstellung der Funde.
Der Platz, der seit der Stadtgründung im 13. Jahrhundert als Markt genutzt wurde, wurde erst im 14. Jahrhundert gepflastert. In späteren Schichten entdeckten die Archäologen unter anderem einen massiven Goldring mit sieben eingestempelten Kronen. Er gehörte möglicherweise einem höhergestellten schwedischen Offizier. Die Kommandantur befand sich an der Westseite des Marktplatzes.
Der Markt im Zentrum der als Weltkulturerbe geschützten Altstadt wird seit 2011 für rund 2,7 Millionen Euro saniert. Die Arbeiten stehen kurz vor dem Abschluss. Bei den archäologischen Untersuchungen drangen die Fachleute bis in vier Meter Tiefe vor und bargen hunderte Fundstücke.
Vor allem die Zeit vor der Pflasterung lieferte ein lebendiges Bild vom Leben in der Stadt. „Von den Wagenrädern und Hufen der Zugtiere haben sich stellenweise so deutliche Abdrucke erhalten, dass man in der Lage wäre, Pferde und Esel zu unterscheiden“, sagte Armbruester. Frühzeitig sei damit begonnen worden, Drainageanlagen aus Astholz zu bauen. An der Westseite des Marktes legten die Archäologen einen Holzbohlenweg frei, auf dem nicht nur die Menschen, sondern auch kleinere Handkarren verkehrten. Dort kamen ebenfalls Münzen, Tuchplomben und Handwerksgeräte ans Licht. Der rätselhafteste Fund ist ein bronzenes Siegel, das möglicherweise einem Henker gehörte. Indizien dafür seien die Abbildung eines achtspeichigen Rades sowie Axt und Schwert, sagte Armbruester. Auf dem Marktplatz stand ihren Angaben zufolge einst ein Pranger, Hinrichtungen fanden vor den Toren der Stadt statt.

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