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Preisträger wegen Tarifflucht und Spitzelarbeit in Kritik

Die Vergabe des Unternehmerpreises des Landes Mecklenburg-Vorpommern an den Chef der Greifswalder Medigreif-Gruppe, Dietmar Enderlein, hat heftige Kritik hervorgerufen. Die Gewerkschaft Verdi warf dem 70-Jährigen unter anderem vor, Mitarbeiter nicht nach Tarif zu bezahlen. Zudem gebe es in mehreren Unternehmen der Gruppe keine Betriebsräte. Der Verband DDR-Opfer-Hilfe kritisierte die Vergabe des Preises für Enderleins Lebenswerk, weil der einstige DDR-Top-Militärmediziner für die Stasi gearbeitet habe. Das sei für die ehemals politisch Verfolgten ein Schlag ins Gesicht, erklärte der Vorsitzende des Verbandes, Ronald Lässig.

1800 Arbeitsplätze als Lebensbilanz
Enderlein wies die Kritik an seiner Auszeichnung zurück. Er sehe keine Veranlassung, den Preis zurückzugeben, sagte er in Greifswald. Er habe seit 1990 rund 1800 Arbeitsplätze geschaffen und viel für das Land getan. Nach Verkäufen von Unternehmen sind derzeit innerhalb der Medigreif-Gruppe 600 Mitarbeiter beschäftigt, wie Enderlein sagte. Zu den Vorwürfen der Gewerkschaft Verdi sagte der Firmenchef, mehr als die Hälfte der Mitarbeiter werde übertariflich bezahlt. Die Ärzte in seinen Kliniken würden nach der geltenden Tabelle des Marburger Bundes plus einer Zulage von 100 Euro entlohnt. Zur Bezahlung der anderen sagte Enderlein: „Es bekommt keiner unter 6,50 Euro.“ Als Beispiel nannte er Reinigungskräfte. Die Landesregierung verlangt bei öffentlichen Aufträgen die Zahlung von mindestens 8,50 Euro pro Stunde.

Enderlein hatte am Mittwoch im Rahmen des Unternehmerpreises den Sonderpreis für sein Lebenswerk erhalten. Regierungssprecher Andreas Timm sagte in Schwerin: „Die Position der Landesregierung ist klar: Wir werben gemeinsam mit den Gewerkschaften und einigen Wirtschaftsverbänden dafür, dass möglichst viele Unternehmen im Land Tariflohn zahlen.“ Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) hatte Enderlein im März persönlich auf dessen privater Party auf Usedom zum 70. Geburtstag gratuliert. Betriebsräte gibt es nach Enderleins Worten in drei Medigreif-Reha-Kliniken auf Usedom. In den zwei Unternehmen der Gruppe in Greifswald gebe es eine Mitarbeitervertretung.

Zu den Vorwürfen einer Stasi-Mitarbeit in der DDR sagte Enderlein, er habe mehrere Verpflichtungserklärungen unterschrieben, sei aber kein klassischer IM gewesen. Als einer der drei höchstrangigen Militärärzte der DDR habe er eine Erklärung für die Militärabwehr der Streitkräfte unterschrieben, das habe zu seinem Arbeitsplatz gehört. Enderlein warnte vor Neiddebatten wegen seines Erfolgs heute. Er sagte: „Es gibt Lokomotiven, die fahren immer vorne an, egal in welche Richtung der Zug fährt.“

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