Nordkurier.de

Rebeccas tiefe Wunden heilen nur langsam

Der 28-jährige Angeklagte wird wegen Entführung und Vergewaltigung der 17-jährigen Rebecca verurteilt. Seine Strafe: Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung.  FOTO: Bernd Wüstneck
Der 28-jährige Angeklagte wird wegen Entführung und Vergewaltigung der 17-jährigen Rebecca verurteilt. Seine Strafe: Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung. FOTO: Bernd Wüstneck

VonJoachim Mangler

Das entsetzliche Leiden der 17-jährigen Rebecca hat viele Menschen tief geschockt. Das Landgericht Rostock sprach nun das Urteil gegen den Entführer: Neun Jahre und sechs Monate Haft plus Sicherungsverwahrung.

Rostock.Die Worte des Richters am Landgericht Rostock an den Peiniger der 17-jährigen Rebecca sind deutlich: „Wir glauben, Herr B., Sie sind gefährlich.“ Dann begründet der Richter am Dienstag, warum das Gericht den mehrfach vorbestraften Mario B. zu neuneinhalb Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt hat. B. sei eine tickende Zeitbombe und es müsse verhindert werden, dass die Zeitbombe noch einmal losgeht. Regungslos hört der 28-Jährige der Urteilsbegründung zu, in der der Richter im vollen Gerichtssaal die entsetzlichen Taten und den knapp viertägigen Alptraum Rebeccas schildert.
Es sei Schicksal gewesen, dass just vor dieser Oktobernacht 2012 der Busfahrplan geändert wurde und Rebecca durch die menschenleere Gegend lief, wo sie dann B. begegnete und das Martyrium begann. Das Leid, dem Rebecca ausgesetzt war, ist kaum zu ermessen: Sie wehrt sich mit Händen und Füßen – vergeblich. Mehrmals wird sie vergewaltigt. B. fügt ihr stark blutende Schnittwunden zu, der Blutverlust raubt ihr zeitweise das Bewusstsein. Er zieht Rebecca aus und fesselt sie mit Boxenkabel und Klebeband – wehrlos und voller Angst ist sie ihrem Peiniger ausgesetzt. Doch diese Quälerei reicht ihm offensichtlich nicht: Als ein erster Fluchtversuch scheitert, schlägt er ihr mit einer solchen Gewalt ins Gesicht, dass das Nasenbein bricht. Ein Rechtsmediziner findet Fesselspuren an den Gelenken, Kratzer und blaue Flecken am ganzen Körper sowie eindeutige Zeichen für Vergewaltigungen.
Glücklicherweise kann die junge Frau ihr Martyrium selbst beenden. Als B. die Wohnung verlässt – zynischerweise zum Blutplasma-Spenden, letztlich also zum Leben retten, wie der Staatsanwalt sagte – merkt sie trotz ihrer völligen Erschöpfung, wie sich die Fesseln lockern. Sie springt in eine Decke gehüllt aus dem Fenster im Hochparterre. Dabei bricht ein Brustwirbel, was durchaus zu einer Lähmung hätte führen können. Ein Autofahrer findet sie und übergibt sie der Polizei. Jubel bei ihrer Familie und ihren Freunden, Aufatmen in der Region.

Psychische Folgen
bleiben bestehen
Auch wenn Rebecca im Gerichtssaal keinen leidenden Eindruck macht, wird sie sich nach Ansicht von Frank Häßler, Direktor der Rostocker Universitätsklinik für Psychiatrie im Kindes- und Jugendalter, noch lange mit den traumatischen Vorgängen in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung beschäftigen müssen. „Man kann davon ausgehen, dass die Tat bei ihr kurz- und langfristig erhebliche Folgen nach sich zieht, die sich physisch und psychisch auswirken können“, sagt der Experte. Es sei richtig, dass sie jetzt in der Öffentlichkeit einen gefassten Eindruck macht: „Es bringt ja auch nichts, Millionen Menschen in die tiefste Seele blicken zu lassen.“
Die entscheidende Gefühle für die Traumatisierung Rebeccas seien das Ausgeliefertsein und die Ohnmacht bis hin zu dem Gedanken, hier nicht mehr lebend herauszukommen. „Das hinterlässt tiefste Wunden.“ Erfahrungen mit anderen, in solcher Weise traumatisierten Opfern zeigen, dass die Reaktionen von ständigem Unwohlsein, Bauch- und Kopfschmerzen, Herzrasen, Panikattacken bis hin zu Ängsten, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten reichen können. Rebecca werde psychotherapeutische Hilfe brauchen, ist sich Häßler sicher. Materielle Hilfe wurde ihr schon zuteil: Lokale Medien sammelten mehr als 14 000 Euro und spendeten Reisen.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×