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Von Mallorca als Hilfskraft direkt ins Pflegeheim

Laut einer neuen Studie droht der Pflegebranche im Land schon bald ein eklatanter Personalmangel.
Laut einer neuen Studie droht der Pflegebranche im Land schon bald ein eklatanter Personalmangel.

Auf Mallorca werden Koffer gepackt. Der Tag des Aufbruchs rückt näher für 19 junge Frauen und Männer. Seit einem Vierteljahr pauken die Spanier Deutsch im Intensivkurs. Am 24. Mai verlassen sie ihre Heimat, um via Lübeck nach Schwerin zu kommen. Bis Mitte August werden sie in Pflegeheimen der Landeshauptstadt Praktika absolvieren, um zu auszuprobieren, ob ihnen der Beruf des Altenpflegers und ein Leben in Deutschland gefallen könnten.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Westmecklenburg hat ein landesweit einzigartiges Vorhaben in Angriff genommen: „Mobipro EU“ – lautet die Abkürzung für das ebenso sperrige Wortmonstrum „Sonderprogramm des Bundes zur Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa“. Arbeitsministerium und Arbeitsagentur hatten das Programm Ende 2012 aufgelegt, um der perspektivlosen Jugend von Südeuropa eine Chance auf Ausbildung und Arbeit in gefragten Berufen zu eröffnen. Portugal, Griechenland, Italien und Spanien, wo jeder zweite junge Mensch kein Auskommen findet, standen auf der Kandidatenliste ganz oben.

„Sehr aufgeweckte und motivierte junge Leute“

Die AWO nutzte die Gelegenheit. „Wir haben uns für Spanien entschieden“, sagt Axel Mielke, Geschäftsführer der Soziale Dienste gGmbH Westmecklenburg. Den Ausschlag dafür gaben erste gute Erfahrungen mit spanischen Jugendlichen, die das Sozial- und Bildungswerk Schwerin zu Sicherheitsfachleuten ausgebildet hatte. Da dieser Bildungsträger so bereits Kontakt zu einer Bildungsakademie auf Mallorca hatte, führte der Weg auf die Urlaubsinsel. „Im Februar erschienen Ausschreibungen in der örtlichen Presse, und wir erhielten 43 Bewerbungen“, sagt Axel Mielke. Für die Vorstellungsgespräche flog er selbst nach Palma de Mallorca. Sein Eindruck: „Das sind sehr aufgeweckte und motivierte junge Leute, bereit für einen neuen Lebensabschnitt.“

Die Arbeitsagentur überprüfte unterdessen, ob Schulabschlüsse und – soweit vorhanden – erste Berufszeugnisse hierzulande anerkannt werden können. Die ersten 20 Jugendlichen erhielten grünes Licht, 19 werden sich auf den Weg machen. „Etwa die Hälfte sind Männer“, so Axel Mielke. Er wertet diesen Umstand ebenso als Bereicherung für die Pflegebranche wie die spanische Herkunft. „Eine andere Kultur bringt immer einen Mehrwert.“ Die Sorge vor Personalnot hingegen hält sich bei AWO derzeit in Grenzen. „Von einem akuten Notstand können wir noch nicht sprechen“, sagt er. Betonung auf dem „noch“. Seit acht Jahren bildet das Unternehmen Altenpfleger aus. „Wer sich gut anstellt, bekommt ein Arbeitsangebot.“

Bis ins Detail haben Mielke und seine Mitarbeiter die Ankunft der Spanier vorbereitet: „In gespannter Erwartung.“ Wohnungen in unterschiedlichen Schweriner Stadtteilen sind gemietet. „Schon damit nicht der Verdacht einer Ghettobildung entsteht“, sagt er. Zudem soll so der Anreiz, Deutsch zu lernen, erhöht werden. Nach einem Willkommensfest beginnt die Arbeitswoche in Pflegeeinrichtungen der Awo und zweier weiterer Träger. An einem Tag der Woche stehen Deutschstunden auf dem Programm.
Bis Mitte Juli lassen sich Gäste und Gastgeber Zeit, über die mögliche Ausbildung als examinierte Altenpfleger zu entscheiden. „Am 1. September würde das erste Lehrjahr beginnen“, sagt Axel Mielke, der die Klasse aus deutschen und spanischen Jugendlichen schon vor sich sieht und auf weitere Bewerbungen hofft.

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