Februar 22, 2012
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Parteien/Bewegungen von Max-Stefan Koslik

Politischer Aschermittwoch: Dampfeisbrecher für die Kanzlerin

Ob in Passau oder Landshut, ob in Straubing oder Demmin – traditionell wurde am Aschermittwoch zum Ende der Karnevalssaison zum Angriff auf den politischen Gegner geblasen. Dabei ging es nicht immer bierselig zu. In Vorpommern verteilt die CDU-Bundeschefin aber auch viel Lob – für sich, ihre Partei und Europa.

Kanzlerin Angela Merkel, Innenminister Lorenz Caffier und  Fraktionschef Vincent Kokert (r.).
Kanzlerin Angela Merkel, Innenminister Lorenz Caffier und Fraktionschef Vincent Kokert (r.) in Demmin.
Foto: dapd
Demmin/München (nk)  

Applaus gibt es schon im Voraus. Eine Demonstration auch. Die Linke nutzt alljährlich hier in Demmin die größte Aschermittwochsveranstaltung der Union in Deutschland zum Protest. Tierschützer haben sich hinzugesellt, die gegen eine Hennenmastanlage demonstrieren. MeckPomm eben. Drinnen singt Petra Zieger – die CDU macht auf modern. „Du und ich das geht nicht. Nicht weiter wie bisher. Wir werden keine Freunde. Wir sind schon lange mehr“, singt sie und zaubert ungewollt Ironie in den Saal.
Petra Zieger verspricht zu röhren „bis die Chefin kommt“. Die CDU-Kämpen im Saal machen per Handzeichen deutlich, dass es ihnen zu laut ist. „Los jetzt“ heizt sie die Sängerin an.

 

Demmin hat sich noch immer nicht zu Klein-Passau entwickelt. Aber das Bier fließt schon ganz ordentlich. Ein einsames „Bravo“. Die CDU-Männer und -Frauen warten auf Angie. Und sie erwarten, dass sie etwas zu Christian Wulff und zu Joachim Gauck sagt, ergibt unsere Umfrage. Vorne am Tisch der Kanzlerin sind neben Landes-Größen wie Innenminister Lorenz Caffier und Fraktionschef Vincent Kokert auch Wirtschaftsbosse platziert, der Marlower Bau-Unternehmer Friedemann Kunz, Müllmonopolist Norbert Rethmann, Bierwerber Christoph Seite aus Lübz.

 

Die Chefin ist da, Zieger brüllt "Superfrau"

 

Und dann ist die Chefin da. Zieger brüllt singend „Superfrau“. Beim Einmarsch der Bundeskanzlerin und CDU-Bundesvorsitzenden werden die 1500 Gäste im Saal kurz euphorisch. Ein Gefühl, das nach der historischen Wahlniederlage im vergangenen September eher selten bei der sein dürfte. In der Bütt macht wie immer CDU-Spaßvogel Werner Kuhn den Anfang, der es inzwischen zum EU-Abgeordneten gebracht hat. Deshalb darf Kuhn sogar Witze über den vergangenen Bundespräsidenten im Beisein der Kanzlerin reißen: „Christian Wulff soll jetzt als Berater nach Griechenland gehen“, kalauert er. „Der weiß, wie man günstig an Kredite herankommt.“ Tusch, im Saal erstickt das Lachen.

 

„Das ist die Berliner Luft“ spielt die Barther Blaskapelle auf. Aha, Merkel steht in der Bütt. Sie lobt die CDU, die dafür gesorgt habe, „dass dieses Land seit 2006, seit sie wieder an der Macht ist, keine Schulden mehr macht“. So kann man es auch sehen. „Seit 2006 ist die Arbeitslosigkeit wieder heruntergegangen. Das ist das Ziel einer vernünftigen Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, so wie sie Jürgen Seidel gemacht hat und Harry Glawe heute macht“, lobt die Kanzlerin. Der Saal jubelt beseelt.

 

Angela Merkel lobt sich gleich mit

 

„Als ich im Jahr 2005 Bundeskanzlerin wurde, da hatten wir fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland. Und wenn wir heute unter drei Millionen Arbeitslose haben, dann ist das Ergebnis guter Politik“, lobt die Rednerin sich gleich mit. Merkel fordert, die „Menschen gut zu bezahlen“, damit die Arbeitskräfte im Land bleiben. Merkel fordert „vernünftige Lohnuntergrenzen“ in Branchen, in denen es keine Tarifverträge gibt – Applaus und ein Gruß an die heimischen Hoteliers.

 

Die Bundeskanzlerin verteidigt ihre Griechenland-Politik und die Euro-Rettungsschirme. „Wir wissen, wir können es in Deutschland nicht alleine schaffen. Dafür brauchen wir Europa“, wirbt sie und malt die schnell wachsenden Wirtschaften in Asien an die Wand. Sie mahnt: „Aber es muss ein Europa sein, in dem wir alle an einem Strang ziehen.“ Selbst diejenigen im Saal, die den Griechen die Drachmen zurückwünschen, werden jetzt zu jubelnden Europa-Verteidigern. Tusch und Applaus.

 

Tusch, Helau und Applaus

 

Merkel wirbt für Investitionen in erneuerbare Energien, in neue Technologien und in die Forschung. Sie greift „den Forschungsminister dieses Bundeslandes“ an, ohne Mathias Brodkorb (SPD) zu nennen, weil dieser die Leibniz-Institute nicht in dem Maße subventioniert, wie diese es sich wünschen. Er lasse Bundesgelder verfallen, kritisiert die Kanzlerin und fordert die CDU auf, die Maximalförderung durchzusetzen. Tusch, Helau und Applaus.

 

Der Saal tobt. Und als die CDU-Vorsitzende zum Schluss das Modell des Dampfeisbrechers „Stettin“ geschenkt bekommt, auf dem die Landes-CDU alljährlich zu ihren Sommerausfahrten bei der Hanse Sail aufbricht, da hat sie das Geschenk verdient: Sie hat das Eis im Saal gebrochen. Und niemandem ist aufgefallen, dass die Kanzlerin kein Wort zu Christian Wulff oder Joachim Gauck gesagt hat.  Doch, einem: Der ehemalige Landtagsabgeordnete Wolfgang Riemann von der Insel Usedom meckert: „Zu Wulff und Gauck hat’se nichts gesagt.“ Ach ja, „Superfrauen gibt es nicht“, lautete der gesamte Text von Petra Zieger. 

 

Schwerpunkt des Politspektakels ist Bayern

 

Beim politischen Aschermittwoch liefern sich die Spitzen aller Parteien am Mittwoch wieder heftige Redeschlachten. Schwerpunkt des traditionellen Politspektakels, zu dem tausende Parteianhänger erwartet werden, ist wie jedes Jahr Bayern. Bei der CSU in Passau spricht Ministerpräsident Horst Seehofer. Weil er nach dem Rücktritt von Christian Wulff kommissarisch die Amtsgeschäfte des Bundespräsidenten übernommen hat, will der Parteivorsitzende sich verbal aber zurückhalten. Im SPD-Bierzelt in Vilshofen geht Parteichef Sigmar Gabriel in die Bütt. Bei der FDP in Dingolfing und bei den Grünen in Landshut haben sich mit Philipp Rösler und Claudia Roth ebenfalls die jeweiligen Bundesvorsitzenden angesagt. Die Linke bietet Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi im bayerischen Tiefenbach auf.

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