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Auf zum Kung-Fu-Training: Angriff mit der Plastikflasche

Der achtjährige Joshio trainiert schon seit zwei Jahren Kung-Fu, weil ihm Filme darüber so gut gefallen.
Der achtjährige Joshio trainiert schon seit zwei Jahren Kung-Fu, weil ihm Filme darüber so gut gefallen.

Wie ein Kung-Fu-Meister im Film kämpfen können. Dafür muss man sehr lange üben. Wie man einen Gegner angreift, lernt man mit leeren Plastikflaschen. Damit sich keiner im Training wehtut.
Also, her mit den Plastikflaschen! Wenn der Kung-Fu-Lehrer Hong Thay Lee die große Tonne mit den Gefäßen auf die Matten stellt, freuen sich Jannis und Jael besonders. „Mit den Flaschen dürfen wir einfach angreifen. Und man tut sich dabei nicht weh“, sagt Jannis.
Einen Gegner anzugreifen, das muss man erst mal üben, wenn man Kung-Fu lernen will. Zweimal in der Woche kommen das Mädchen und der Junge in die Sportschule Lee in Berlin zum Kung-Fu-Unterricht. „Ich wollte Kung-Fu lernen, damit mich die großen Jungs in der Schule nicht mehr ärgern“, sagt Jael. Sie ist acht Jahre alt und trainiert noch nicht so lange. Auch die anderen Kinder
in ihrer Gruppe sind vor allem dabei, weil sie mit Kung-Fu Selbstverteidigung lernen wollen.
In der Stunde geht es aber erst mal um Rennen – und nicht um Kämpfen. Bevor es richtig losgeht, spielen die Kinder Fangen. „Beim Kung-Fu muss man fit sein – dafür ist das ein gutes Training“, sagt der Lehrer. Dann werden Fußtritte geübt. Jeweils ein Kind streift sich spezielle Handschuhe über, die Pratzen heißen. Sie sind dick gepolstert, damit man sich nicht wehtut. Jannis versucht dann, mit dem Fuß hoch in die Luft gegen die Pratzen zu treten. „Fußtritte sind beim Kung-Fu besonders wichtig. Denn die Beine sind länger und kräftiger als Arme. Mit Fußtritten hat man auch gegen einen größeren Gegner eine Chance“, erklärt der Lehrer. Um Schläge mit den Händen zu üben, bekommen alle Kinder Box-Handschuhe. Schließlich soll sich keiner beim Training verletzen.
Joshio ist wie Jael acht Jahre alt. Er trainiert aber schon seit zwei Jahren Kung-Fu und hat bereits einen orangen Gürtel. „Den habe ich nach einer Prüfung bekommen, wo ich verschiedene Kung-Fu-Formen zeigen musste“, sagt er. Wenn man schon bestimmte Tritte oder Kung-Fu-Formen drauf hat, bekommt man einen gelben Gürtel. Danach kommen Gürtel in Orange, Grün, Blau und Braun. Eine Kung-Fu-Form sieht ein bisschen aus wie ein Kampf, aber ohne Gegner.
Joshio beherrscht einige der Formen. Auch solche, die man mit einem langen Stock macht. Oder mit einem Säbel. „Irgendwann habe ich mal einen Kung-Fu-Film gesehen. Und da dachte ich mir: Das möchte ich auch können“, erzählt Joshio. Jetzt kann er zwar schon viel mehr und hat bereits Kämpfe gewonnen. Aber ist er jetzt schon so gut wie die Kung-Fu-Meister im Film? Joshio schüttelt den Kopf: „Bis man das alles richtig gut kann, muss man sehr lange üben.“
Bei Kung-Fu denken viele Leute: Da geht es vor allem um Kämpfen. Doch das stimmt nicht ganz. Der Begriff kommt aus dem Chinesischen. Übersetzt heißt Kung-Fu erst mal nur „harte Arbeit“. Es geht also darum, sich Mühe zu geben, wenn man etwas lernt. Das könnte also auch Tennis sein. Oder Mathe. „Beim Kung-Fu muss man viel an sich selbst arbeiten“, erklärt der Kung-Fu-Lehrer Hong Thay Lee.
Er hat mit neun Jahren angefangen, Kung-Fu zu lernen. Am Anfang hat ihm sein Opa alles beigebracht. „Dass man sich möglichst gut selbst verteidigen kann, ist nur ein Teil von Kung-Fu“, sagt der Lehrer. Man lerne auch noch andere Dinge wie Disziplin und sich selbst zu beherrschen. Beim Kung-Fu muss man sich also auch mal zusammenreißen. Und Dinge tun, auf die man keine Lust hat. Zum Beispiel zum Training gehen, auch wenn man nicht gut drauf ist. Oder Dinge machen, bei denen man nicht sofort der Beste ist. „Keiner kann beim Kung-Fu alles“, sagt Lee. Deshalb lernt man gut, wie man auf dem Teppich bleibt und kein Angeber wird.

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