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Eigener Wald, Omas Marmelade und ein Bus-Stopp

Platz da! Aus dem Weg: Draußen herumzutoben, macht viel Spaß.
Platz da! Aus dem Weg: Draußen herumzutoben, macht viel Spaß.

Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen müssen den Kopf in den Nacken legen, wenn sie den Wipfel der Birken sehen wollen. Die Bäume spenden Schatten auf dem Spielplatz der Kita in Quadenschönfeld, einem kleinen Ort zwischen Neustrelitz und Neubrandenburg. Seit 18 Jahren wachsen sie dort. „Gepflanzt hat sie damals Kevin, der ist heute 19“, erinnert sich Heike Fischer lächelnd. Kevin war das erste Kind, das mit seinen Eltern einen Baum für seine neue, gerade eröffnete Kita eingrub. „Bei uns ist das Tradition, dass jede Familie, die möchte, hier ein Bäumchen pflanzen darf“, erzählt die Kita-Chefin. Sie weiß genau, wer das Apfelbäumchen vorn links oder die Kiefer hinten rechts gesetzt hat. Schließlich hat die Frau, die in diesem Jahr 60 wird, machmal schon die Eltern der heutigen Schützlinge betreut.
Am Rand des Spielplatzes ist ein richtiger kleiner Wald entstanden – vor allem als Windschutz, aber auch für Entdeckungstouren. Einen Teil der Bäume habe Landwirt Hübner aus dem Ort gespendet. Die fast echte Bushaltestelle im hauseigenen Verkehrsgarten hat ein Vater, von Hause aus Tischler, gesponsert. „Eine wichtige Sache für uns, so können wir die Kinder auf das Fahren mit dem Schulbus vorbereiten.“
In der Speisekammer stehen Einweckgläser und Marmelade, die die Muttis und Omas vorbeigebracht haben. So ist das eben auf dem Dorf – man hilft sich und packt beim Nachbarn mit an.
„Und so ist letztlich ja auch unser Kindergarten vor 18 Jahren entstanden“, erzählt die Leiterin, die kräftig mitgemischt hat. Eigentlich hatte sie überlegt, sich als Tagesmutter selbstständig zu machen. Die Nachfrage war groß. Warum also nicht doch eine Kita gründen? Schnell waren genug Interessenten für einen Elternverein gefunden. Die Gemeinde hatte ein passendes Gelände. Wo ein alter Stall stand, wuchs ruckzuck die Kita. „Die Eltern haben mitgeholfen, viel in Eigenleistung geschafft und Bekannte dazugeholt“, erinnert sich Heike Fischer.
Daran habe sich über die Jahre nichts geändert. Da holt der Opa seine Silikon-Dose aus dem Auto und verschmiert noch schnell ein paar Fugen im Bad, obwohl er eigentlich nur seinen Enkel zur Kita bringen wollte. Gerade haben die Eltern in einem Arbeitseinsatz den Spielplatz frühlingsfein gemacht, und im August soll der Anbau mit dem neuen Gruppenraum fertig werden.

Musik und Gesang sind für alle Kinder im Angebot

„Das alles wirkt sich natürlich auf die Elternbeiträge günstig aus. Wir haben die niedrigsten im Landkreis. Und wir können Vollverpflegung für zwei Euro am Tag anbieten. Eben weil wir viel aus den Kellern, Gärten und Küchen der Familien bekommen. Eine Firma liefert einen Teil des Mittagessens, Kartoffeln, Gemüse und Nachtisch werden hier frisch zubereitet. Dreimal in der Woche backen wir mit den Kindern Kuchen“, sagt die Erzieherin.
Die musikalische Früherziehung habe eine frühere Kollegin übernommen, die super Akkordeon spiele und jetzt in Rente sei. „Singen macht schlau und ausgeglichen. Bei uns können alle Kinder mitmachen, weil es nicht extra kostet“, sagt Heike Fischer. Das sei ihr wichtig. „Für mich sind alle Kinder gleich, egal, was die Eltern verdienen.“ Sicher gebe es da Unterschiede. „Aber ich möchte, dass das hier für die Kinder nicht spürbar ist. Auch die Eltern sollen sich gleichgestellt fühlen.“ So habe sie zum Beispiel eine Art Klamottenbörse angeregt. Da bringe jeder mal eine Tüte Sachen mit, aus denen die Kinder herausgewachsen sind, und gebe sie an andere Eltern weiter.
Bewegung sei ein weiterer wichtiger Punkt. „Jeden Morgen machen wir Frühsport. Die Kinder laufen mindestens zwei Runden um den Sportplatz, und es gibt Morgengymnastik. Der Judoklub aus Altentreptow kommt regelmäßig zu Übungen her.“ Von 14 Vorschulkindern haben 12 das „Seepferdchen“ geschafft. „Dazu sind wir, natürlich mit Unterstützung von Eltern, mit ihnen regelmäßig nach Neubrandenburg gefahren. Schließlich wohnen wir im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, da muss man doch schwimmen können“, meint die Kita-Leiterin.
Ausflüge rund um den Kirchturm, aber auch bis nach Ueckermünde stehen auf dem Plan. „Die Kinder sollen ein Stück von der weiten Welt sehen, nicht jede Familie fährt ja weg“, sagt sie. An so einem Ausflugstag holen alle Kinder das neongrüne Kita-T-Shirt aus dem Schrank.
Zurzeit werden 40 Kinder von vier Erzieherinnen betreut. „Bei uns gehen die
Uhren anders“, meint Heike Fischer. „Hier macht jeder mehr, als er muss. Alle gehen mit einem offenen Blick durchs Haus.“ Und die Öffnungszeiten richteten sich nach den Familien. Von 5 Uhr früh bis 19 Uhr sei eigentlich immer jemand da. Das wüssten zum Beispiel auch die Paketboten. „So sind wir eben ein Anlaufpunkt im Ort – für alles Mögliche.“
Mehr Kinder wolle die Kita nicht aufnehmen. „Das würde die familiäre Atmosphäre zerstören.“ Wegen des Klimas nimmt Heike Fischer auch mal zwei Mütter zur Seite, die nicht miteinander reden. „Wenigstens gegrüßt wird hier im Haus.“ Wenn sich
Eltern und Erzieher einig seien, profitierten letztlich die Kinder davon, sagt sie. „Für mich ist das hier Hobby, Beruf und Berufung.“

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