Februar 18, 2012
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Schulen von Lea Sibbel

Nicht immer einig bei Erziehung

Kein Fernsehen vor dem Schlafengehen oder die Spielsachen sofort wegräumen: Mutter und Vater setzen bei der Erziehung unterschiedliche Prioritäten. Wichtig ist, dass Eltern ihre unterschiedlichen Regeln konsequent vertreten.

Kinder brauchen Verlässlichkeit, auch wenn sich Eltern nicht in allen Erziehungsfragen einig sind.
Kinder brauchen Verlässlichkeit, auch wenn sich Eltern nicht in allen Erziehungsfragen einig sind.
Foto: Diagentur
Münster. (DPA)  

„Aber Papa hat gesagt, ich darf.“ Es ist nur ein kleiner Satz, aber er hat große Wirkung. Zwar kommt es in jeder Familie bisweilen zu Differenzen. Wenn sich die Erziehungsstile von Mutter und Vater aber grundsätzlich widersprechen, sei das ein großes Problem, sagt Yves Hänggi vom
Institut für Familienforschung und -beratung der Universität
Fribourg. „In dem Falle haben die Kinder zu wenig Orientierung: Der Vater sagt das eine, die Mutter das andere.“ Was letztlich richtig ist, können Kinder nur schwer einschätzen.
Warum sind sich Eltern aber derart uneinig, wenn es um so etwas Grundlegendes wie die Erziehung ihrer Kinder geht? Manfred Holodynski, Professor am Institut für Psychologie der Universität Münster, sieht – neben den unterschiedlichen Erfahrungen in der eigenen Erziehung – den Wertewandel in der Gesellschaft als einen möglichen Auslöser für den Konflikt. „Bis zu den 1960er-Jahren waren Werte wie Ordnung und Gehorsam wichtig. Das war relativ eindeutig. Ein Elternteil hat die letzte Instanz verkörpert.“
Heute stünden Selbstständigkeit und freier Wille im Vordergrund. In Sachen Erziehung bringt dieser Wandel viel Unsicherheit: „Wie viele Grenzen darf ich setzen, wenn mein Kind selbstständig sein soll?“, bringt es Holodynski auf den Punkt.
Sind sich Eltern manchmal uneinig, erleben Kinder dies nicht zwangsläufig als Konflikt. „In vielen Familien ist es Realität, dass die Eltern nicht immer an einem Strang ziehen“, sagt Remo Largo, emeritierter Professor für Kinderheilkunde an der Universität Zürich. „Ein Problem wird das nur, wenn sich die Eltern gegeneinander ausspielen lassen.“ Dabei könne das Kind zum Beispiel mit Liebesentzug reagieren, wenn es die Entscheidungen der Eltern nicht billige, erklärt Psychologe Holodynski.
Die Experten haben auch Tipps, wie sich die Partner trotz unterschiedlicher Erziehungsstile einigen und sich gegenüber ihren Kindern behaupten können. „Die Voraussetzung für die Erziehung ist eine stimmige Beziehung zum Kind“, sagt Yves Hänggi. Dabei sollten Paare versuchen, Toleranz für die Entscheidungen des Partners zu zeigen. Konkret heißt das:Wer zuerst entscheidet, dessen Regel hat in dem Moment Geltung. So kann auch in Spontansituationen eine schnelle Lösung gefunden werden – ganz ohne Streit.
Ein Konflikt sollte nie vor dem Kind eskalieren. „Sich vor dem Kind zu streiten, hat negative Auswirkungen“, sagt Largo. Ganz vermieden werden müssen Konflikte aber nicht: „Wenn die Eltern konstruktiv miteinander diskutieren, können die Kinder davon lernen“, sagt Hänggi. Wenn die Kinder älter sind, können sie einbezogen werden. „Die Familienkonferenz ist eine gute Methode, gemeinsam eine Lösung zu finden“, schlägt der Experte vor.
Die Konfliktkultur zwischen den Partnern und in der Familie spielt eine wichtige Rolle, ganz besonders, wenn die Meinungen in Erziehungsfragen auseinanderdriften. Oft haben die Partner aber nicht gelernt, wie sie sich einig werden. In dem Fall kann auf professioneller Ebene Hilfe gesucht werden. Sogenannte Elterntrainings versuchen deutlich zu machen, wie Mutter und Vater mit dem Kind interagieren.
Hier könnten Eltern lernen, geschickt mit Konflikten umzugehen. Auf zwei Prinzipien legen die Elterntrainer besonders viel Wert: Verlässlichkeit und Routine. Selbst wenn die Partner sich uneinig sind, hilft es dem Kind, wenn
es die Reaktionen von Mutter und Vater immer abschätzen kann. Und wer Routinen und Regeln für Alltagssituationen entwickelt, verhindert, sich immer wieder neu über die Schlafenszeit einigen zu müssen.
Manfred Holodynski rät: „Solange die Eltern in ihren Entscheidungen extreme Ungleichgewichte vermeiden und für sich jeweils klare Regeln haben, können sich die Kinder daran orientieren. Dann halten sie es auch aus, wenn sie bei einem Elternteil um zehn Uhr ins Bett müssen und beim anderen um elf.“

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