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Zurück auf los: Schüler sehen Sitzenbleiben auch als Chance

VonMarina Spreemann

Wer will das Sitzenbleiben abschaffen? Alle Schüler jedenfalls nicht. Im Gegen- teil: Neuntklässler haben in einer Umfrage viele Argumente zusammen- getragen, warum sich eine „Ehren-Runde“ sogar
lohnen kann.

Neubrandenburg.Nein, sitzengeblieben ist noch nie jemand von ihnen. Allerdings kennt Nancy aus dem Wahlpflichtkurs Schreiben jemanden, der eine Extra-Runde drehen musste. „Aber der ist selbst dafür verantwortlich, weil er sich gar nicht für die Schule interessiert. Er tut nur immer cool“, sagt die Neuntklässlerin vom Musischen Haus des Sportgymnasiums in Neubrandenburg.
Nicht versetzt werden – das ist derzeit ein großes Thema in der Gruppe, auch wenn niemand selbst in dieser Gefahr schwebt. Die Schüler haben nämlich eine Umfrage dazu gestartet. Anlass war die bundesweite Debatte um die Abschaffung des Wiederholungsjahres, die gerade von niedersächsischen Bildungspolitikern neu angefacht wurde. Die Neubrandenburger sind losgezogen und haben in kleinen Teams dazu jeweils zwischen 20 und 40 Leute im Alter von 12 bis 71 Jahre befragt.
Die eingeholten Meinungen zeigen ein breites Spektrum: „Das Sitzenbleiben muss weg, die Schüler haben dadurch zu viel Druck und verlieren ein Jahr ihres Lebens“, sagt ein 35-jähriger Mann. „Auf keinen Fall abschaffen, weil es sonst keine Motivation mehr gibt“, findet dagegen eine 45-jährige Frau.
Die Befragung in einer Regionalschulklasse brachte Meinungen zutage wie: „Ich hasse Sitzenbleiben, weil ich es selbst schon mal erlebt und viele meiner Freunde verloren habe.“ Oder: „Wenn ich sitzenbleibe, habe ich ja vielleicht die Chance, in der nächsten Klasse bessere Lehrer zu bekommen.“ Beim statistischen Auswerten der Umfrageergebnisse zeigte sich in fast allen Gruppen eine Mehrheit gegen die Abschaffung der „Extra-Runde“. Ausnahme: Die befragte Regionalschul-Gruppe, mit der Marc Ryll, Joana Scheutzow und Nancy Mayer im Gespräch waren. „19 Schüler haben uns gesagt, das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden, weil sie sowieso schon lange genug in der Schule sitzen und keine Lust haben, noch länger hinzugehen“, berichtet Marc. „Nur zwei Schüler waren dagegen.“
Und wie sieht es im eigenen Wahlpflichtkurs aus? Die Abstimmung ist eindeutig. Kein Handzeichen für die Abschaffung. „Sicher ist Sitzenbleiben ein schwerer Rückschlag für einen Schüler, aber wenn er ständig damit konfrontiert wird, dass er etwas nicht beherrscht, ist das Sitzenbleiben durchaus sinnvoller“, begründet Thao Tran ihre Entscheidung. „Man sollte aber auch vielmehr darauf achten, dass Schüler, die Schwierigkeiten haben, einen Nachhilfelehrer kostenlos beanspruchen dürfen und dass vielleicht sogar mehr Nachhilfekurse von Mitschülern angeboten werden.“
Für Joana und ihre Gruppe ist die Entscheidung gar nicht so leicht: „Wir sind nicht direkt dafür und nicht direkt dagegen. Wenn ein Schüler in mehreren Fächern schlecht ist, und das durch Nachhilfe nicht aufholen kann, sollte er die Klasse wiederholen. Ist er aber nur in einem Fach schlecht, sollte er Nachhilfe angeboten bekommen. Dann muss er nicht das ganze Schuljahr und damit alle Fächer noch einmal machen“, schlägt sie vor.
Die Umfrage habe die Meinung im Kurs sicher nicht grundsätzlich beeinflusst, meint Lisa. „Aber es war schon interessant, andere Ansichten zu hören.“ Die Idee für die Umfrage sei allerdings nicht von den Gymnasiasten selbst gekommen, gesteht sie ein. „Wir wurden sozusagen losgeschickt.“
Lehrerin Renate Zeuner nickt lächelnd: „Ich finde, dass Schüler mitreden sollen bei solchen Diskussionen. Dabei geht es schließlich um sie.“ Eine Idee für die nächste Umfrage hat sie schon: Getrennter Sportunterricht für Mädchen und Jungen – ja oder nein? Ihre Schüler stehen schon in den Startlöchern.

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