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Die Angst vor den Anderen

Wenn soziale Situationen gemieden werden und die Angst überhandnimmt, brauchen Betroffene Hilfe.
Wenn soziale Situationen gemieden werden und die Angst überhandnimmt, brauchen Betroffene Hilfe.

Auf alten Fotos sitzt der junge Johannes Peter Wolters nachdenklich am Rande. Später musste er seinen Beruf als Arzt nach sechs Jahren abbrechen, seine Ängste wurden zu groß. Die Angst, vor anderen Menschen zu versagen oder sich zu blamieren, fraß all seine Energie. Der 60-Jährige leidet noch heute unter sozialer Phobie. Doch er hat gelernt, damit zu leben und den Verband der Selbsthilfe Soziale Phobie und Schüchternheit (VSSPS) mitgegründet. Er ermutigt andere, sich mit ihren sozialen Ängsten auseinanderzusetzen.

Rund fünf Prozent aller Deutschen sind von sozialer Phobie betroffen. Diese Menschen fallen kaum auf, sind nett, oft zurückgezogen. Jene, die ganz schlimm betroffen sind, sieht man gar nicht. Sie meiden jeden Kontakt zu Fremden. Natürlich werden viele Menschen nervös, wenn sie einen Vortrag halten sollen. „Aber soziale Phobie fängt dort an, wo ich die Angst nicht mehr überwinden kann und sie mich in meiner Lebensführung einschränkt“, sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP) in Krefeld.

Kinder lernen von Eltern Vermeidungshaltung

Im Vordergrund steht immer die Angst, sich vor anderen zu blamieren. „Entscheidend ist nicht, dass man rot wird, sondern, dass es andere negativ bewerten“, ergänzt Prof. Ulrich Stangier vom Institut für Psychologie an der Uni Frankfurt am Main.

Eltern sollten aufmerksam werden, wenn ihre Kinder plötzlich vor jedem Schultag Bauchschmerzen bekommen oder nicht mehr mit Freunden spielen wollen. Dann kann soziale Phobie eine Ursache sein. In der Regel lässt sie sich aber erst ab dem achten Lebensjahr feststellen. Bei günstigem Krankheitsverlauf gehen die Ängste mit Beginn des Erwachsenenalters zurück. Bei anderen bleiben sie ein Leben lang. Schon die Eltern von Johannes Peter Wolters mieden Herausforderungen in sozialen Situationen. Diese Vermeidungshaltung lernen Kinder schnell, ihr Selbstwertgefühl sinkt. Auch Eltern, die ihre Kindern durch übermäßige Kritik, Leistungsforderungen oder gar Misshandlung kein Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben, fördern soziale Ängste.

Eltern schüchterner Kinder sollten dem liebevoll entgegenwirken. Wichtig ist vor allem Verständnis für die Sorgen des Kindes. „Es hilft keinem Jugendlichen, wenn seine Eltern ihn auffordern, sich zusammenzureißen“, so Stangier. Stattdessen sollten Eltern ihr Kind ermutigen, sich diesen Situationen zu stellen und es so weit wie möglich dabei begleiten.
Wenn der Leidensdruck zu groß wird, hilft nur der Gang zu einem Therapeuten. „Zuerst müssen körperliche Störungen ausgeschlossen werden“, sagt Roth-Sackenheim. Wenn da alles in Ordnung ist, kann eine Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologische Therapie helfen.

80 Prozent der Patienten mit deutlicher Besserung

In der Verhaltenstherapie lernt der Betroffene, sich seinen Ängsten zu stellen. „In bisherigen Studien haben wir bei 80 Prozent der Betroffenen deutliche Verbesserungen nach einer Verhaltenstherapie feststellen können“, sagt Prof. Stangier. Die tiefenpsychologische Therapie sucht nach inneren Konflikten, die Ursache für die sozialen Ängste sein könnten.

Via Internet können Betroffene Kontakt zu Selbsthilfegruppen oder Therapeuten aufnehmen. „Schämen Sie sich nicht, Sie haben nichts falsch gemacht“, betont Roth-Sackenheim. Psychische Störungen können jeden treffen.

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