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Auf Großbildjagd in Grzimeks Paradies

Vom Rand des Ngorongoro-Kraters genießt man einen atemberaumenden Blick in die Weite des eingebrochenen Vulkans.  FOTOs (5):Kathrin Schierl
Vom Rand des Ngorongoro-Kraters genießt man einen atemberaumenden Blick in die Weite des eingebrochenen Vulkans. FOTOs (5):Kathrin Schierl

VonFlorian Schiegl

DerNgorongoro in Tansania am Rande der Serengeti
ist ein natürlicher Zoo.
Zum Teil leben 30 000 Wildtiere in dem Grund des Vulkankraters. Ein ideales Gelände für eine Safari auf der Suche nach Löwen, Zebras & Co.

Dodoma.Kurz vor 7 Uhr liegt noch der Dunst der Nacht wie ein Schleier im Ngorongoro. Der Tag beginnt am Kraterrand, auf 2 300 Metern. Zwei Jeeps preschen eine steile Waschbrettpiste hinab. „Wir wollen die Ersten bei den Tieren sein“, sagt Studiosus-Reiseleiterin Sonja Brinckmann in verschlafene Gesichter blickend. Die rote Erde ist feucht, es ist kühl. Aber die Neugier lässt nicht ruhig sitzen. Safari heißt stehen, auch während der Fahrt. Den Hals durch das offene Ausstelldach gereckt, der Kopf wippt im Rhythmus der Kurven. Der Wind treibt Tautropfen ins Gesicht. Die Müdigkeit verfliegt.
Es geht 700 Höhenmeter bergab, auf den Grund des Ngorongoro-Kraters, ein eingebrochener Vulkan im Norden Tansanias. An den Hängen wachsen Schirmakazien dicht an dicht, überwuchert von uralten Flechten, die wie Spinnweben in einem vergessenen Kellerabgang hängen. Die flachen, ausladenden Baumkronen verschlingen sich ineinander und bilden einen Tunnel. In der gedämpften Morgenstunde wirkt der Weg wie die Fahrt in eine grüne Hölle – dabei ist es das Eingangstor in ein Paradies.
„Es ist unmöglich, in Worten die Größe und Schönheit des Kraters wiederzugeben. Er ist eines der Weltwunder“, sagte der legendäre Zoologe Professor Grzimek, der zusammen mit seinem Sohn Michael unter einer schlichten Steinpyramide am Kraterrand begraben liegt.
Der Ngorongoro ist ein riesiger Zoo – nur ohne Mauern, ohne Gehege. Der Krater hat einen Durchmesser von gut 20 Kilometern. Je nach Jahreszeit ist er Heimat für bis zu 30 000 Wildtiere. „Wir haben hier die höchste Raubtierdichte Afrikas. Mal sehen, was uns gleich begegnet“, schürt Brinckmann die Neugier.
Kaum laufen die steilen Kraterwände in sanften Wellen aus, stellt Edwin den Motor ab. Er lenkt einen der Jeeps und beweist wieder und wieder präzisen Blick. Niemand spricht, nur aus dem Funk wummern fremde Laute. Kiswahili, Amtssprache Tansanias und Lingua franca Ostafrikas.

Achtung – Löwe auf der Kreuzung gesichtet
Und dann schiebt sich von links eine buschige Mähne voran, langsam und gemächlich. Ein Löwe! Rippen und Schulterblätter zeichnen sich deutlich ab. König der Tiere a. D., er sieht alt aus und ein-sam. Aber völlig unbeeindruckt. Er kreuzt die Straße und presst ein heiseres Brüllen hervor, 20 Meter vor dem Jeep. „Das ist acht Kilometer weit zu hören“, weiß Edwin. Er und sein Kollege Maulidi, der die schöne Gabe hat, mit dem ganzen Körper zu lachen, bereichern die Pirschfahrten mit großem Wissen über Flora und Fauna. Der Löwe verschwindet, Edwin fährt weiter.
Der Kraterboden öffnet sich in einer weiten Ebene. Es ist grün, saftig, voller Leben. „Es kann aber auch trocken und karg sein – je nach Jahreszeit“, erklärt Brinckmann. Und als die letzte Bodenwelle einen unverstellten Blick freigibt, ist zu sehen, was Grzimek meinte. Nicht einzelne Tiere, auch nicht eine oder zwei Herden: ein buntes, lebendiges Wirrwarr. Die frische Höhenluft vermischt sich mit dem Duft wilder Tiere. Gnus ziehen im Gänsemarsch von rechts nach links. Zebras von links nach rechts. Dazwischen zig wuchtige Wasserbüffel, deren Hörner einem streng gekämmten Mittelscheitel gleichen. Kuhantilopen, Gazellen, fünf oder sechs Elefantenbullen drängen zum Kraterfluss. Und direkt vor dem Jeep geht ein Warzenschwein in die Knie, um mit seinem kurzen Nacken das niedrige Gras zu erreichen.
Soweit man blicken kann, lässt sich kein Kreis mit mehr als 30 Metern Durchmesser denken, in dem nicht ein Tier zu sehen ist. „Nur Giraffen fehlen. Im Kratergrund wachsen wenige Akazien, ihr Lieb-lingsfutter“, sagt Edwin und weist auf den Lake Magadi. Über dem Salzsee flirrt die Luft. Und das in Pink – der aufkommenden Hitze und tausender Flamingos wegen.
Aus Safaritouristen werden Großbildjäger, lohnende Motive gibt es zuhauf. Der Zeigefinger ist bald mit der Frequenz am Auslöser überfordert. Die Reiseleiterin kommt ins Erzählen: Immer wieder sehe man unterwegs Tiere an Orten, die die Reiseliteratur für diese Spezies eigentlich ausschließe. „Das ist die Natur, das ist Afrika. Man kann nicht alles in Schubladen packen, hier schon gleich gar nicht“, sagt die Hamburgerin, die teils in Tansania lebt. In allen ihren Sätzen schwingt viel Liebe zu Afrika mit.

Perfektes Timing:
„Sherubum Sherubu!“
Und nur ein paar Minuten später geschieht auch im Ngorongoro Besonderes. „Sherubu, Sherubu“, krächzt der Funk. Das Codewort für „Löwe“. Die Fahrer verwenden chiffrierte Begriffe für Tiere, damit niemand enttäuscht ist, falls der Jeep zu spät kommt.
Aber Edwins Timing ist perfekt. Ein Rudel Löwen, vier oder fünf Weibchen. Sie setzen an zur Jagd. Keine 150 Meter entfernt, hautnah, fast wie in einer TV-Doku. Ihr Ziel ist eine Büffelherde. Gefähr-lich, aber bei Löwen beliebt. Sie pirschen durch das Gras, versuchen ein Tier einzukesseln, schlagen los. Ein kurzer Sprint. Doch die Büffel sind wachsam, der Vorsprung genügt. Die Löwen brechen ab und trollen sich. Aber dann der Gegenschlag. Die massigen Paarhufer sinnen auf Rache. Sie drehen um und walzen auf die Löwen zu, wollen ihnen jede neue Attacke austreiben. Jetzt flüchten die Könige der Tiere. „Wenn ein Löwe unter Büffelhufe gerät, kann das böse enden“, so Brinckmann.
Die Ruhe kehrt zurück. Aber nur augenscheinlich. Die Büffel ziehen weiter, die Löwen legen sich hin. Nur eine Späherin hält den Kopf über der Grasnarbe. Eine Herde Zebras in der Nähe hat mitbekommen, dass die Löwen auf Beute aus sind. Sie bilden eine Wagenburg, ihre schwarzweiße Zeichnung leuchtet in der Nachmittagssonne. Auch Gnus und Gazellen sind nicht weit und wittern die Gefahr. Minuten vergehen, eine halbe Stunde, in der Ebene liegt Spannung. Die Menschen schauen gebannt auf die Tiere. Diese mustern sich gegenseitig. Immer wieder durchzuckt es die Lager. Dann wieder Ruhe. Nur eine Hyäne lässt die Szene kalt. Sie macht ungerührt direkt neben einen der Jeeps. „So schnell passiert nichts mehr – und wir müssen um 16 Uhr raus“, erklärt Edwin. „Die Parkverwaltung ist strikt, sonst müssen wir einen weiteren Tag bezahlen.“
So heißt es Abschied nehmen. Wieder die steile Straße hinauf, den Kopf im Fahrtwind. Zwischen den Zähnen knirscht roter Staub. Ein letzter Blick zurück. Grüne Weite, rollrasengleich. Der Lake Magadi liegt da wie ein Silbertablett, das salzige Wasser spiegelt die Kraterkante. Das gleißende Sonnenlicht geht über in das warme Gelb des Spätnachmittags, und ganz langsam zieht wieder Dunst auf. Ein Bild, das sich einbrennt, und ein letzter Gruß aus Grzimeks Paradies.

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