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Befreiungsschlag für die Heide

Im Sommer hütet Schäfer Falk Majewski bis zu 450 Schafe auf Hiddensee, um Gras und Strauchwerk kurz zu halten.  FOTOs: Ralph Sommer
Im Sommer hütet Schäfer Falk Majewski bis zu 450 Schafe auf Hiddensee, um Gras und Strauchwerk kurz zu halten. FOTOs: Ralph Sommer

VonRalph Sommer

Auf dem kargen Boden der Hiddenseer Dünenheide hat sich über Jahrhunderte eine der letzten Küstenheiden entwickelt. Die Pflege der Landschaft gestaltet sich aber aufwendig. Gras und Büsche werden nur mühsam in Schach gehalten.

Vitte.Udo und Emmerich legen sich schwer ins Zeug. Die am Zaumzeug der beiden Mecklenburger Kaltblut-Wallache hängende Stahlkette spannt sich. Doch die fast
20-jährige Birke am anderen Kettenende scheint tief verwurzelt. Es bedarf mehrerer Anläufe. Dann endlich ein kräftiger Ruck, und die beiden Mecklenburger Kaltblut-Wallache zerren das fast acht Meter hohe Bäumchen mit samt Wurzelballen aus dem sandigen Boden.
Udo und Emmerich haben schwer zu ackern in diesen Frühlingstagen auf der autofreien Insel Hiddensee. Mitten in der Dünenheide im Zentrum des „söten Länneken“ roden die zwei Gäule von Fuhrwerkunternehmer Matthias Neubauer dichtes Buschwerk aus dem überwucherten Boden. „Bis zum Vegetationsstart sollen insgesamt etwa zwei Hektar überwucherte Dünenlandschaft renaturiert werden“, sagt der 42-Jährige Hiddenseer.
Im Herbst werde die Fläche noch einmal „abgeplaggt“, erklärt er. Mit Maschinenkraft sollen dann die acht Zentimeter mächtig gewordene Humusschicht abgeschält und der ursprünglich sandige Untergrund wieder freigelegt werden, um der Heide wieder zum Durchbruch zu verhelfen.

Europa steuert
das Geld bei
Auftraggeber ist der Naturschutzbund Deutschland (NABU). „Für die Renaturierung dieser größten Küstendünenheide Deutschlands
haben wir rund 53000 Euro EU-Mittel für sogenannte
Natura 2000-Gebiete mobilisieren können“, sagt Mecklenburg-Vorpommerns NABU-Landesgeschäftsführerin Rica Münchberger. Insgesamt sollen fünf stark vergraste
und mit Sträuchern bewachsene Flächen bearbeitet werden. Damit werde der Erhalt einer der wertvollsten Naturlebensräume an der Küste
gesichert.
Jahrzehntelang war die 1964 unter Naturschutz gestellte Küstendüne sich selbst überlassen worden. Mit dem Ergebnis, dass sich Gras, Strauchwerk, Birken, Kiefern und Traubenkirschen ausbreiteten und die ursprüngliche Vegetation immer mehr verdrängten. Zuletzt vermochten selbst die etwa 450 Landschafe, die Schäfer Falk Majewski seit fast zehn Jahren im Sommer auf den Deichen und in der Heide hütet, kaum noch etwas gegen die Verbuschung auszurichten. Erste Pflegemaßnahmen seien schon 2006 und 2007 in der Dünenheide getestet worden, sagt Grit Möser vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Stralsund. „Mit Erfolg: An jenen Stellen, wo wir seinerzeit mähen, shoppern und plaggen ließen, hat sich inzwischen wieder eine junge Heidelandschaft etabliert.“

Seltener blauer Tagfalter
lebt hier in Massen
Die Dünenheide an Hiddensees Küste sei ein besonders wertvoller und dynamischer Biotop, betont Irmgard Blindow, Leiterin der Biologischen Station der Insel. Die Landschaft befinde sich ständig im Wandel. Wind und Wetter ließen wandernde und besonders trockene Sandhügel mit sommerlichen Bodentemperaturen von bis zu 50 Grad entstehen. Und gleich daneben bildeten sich staunasse Täler mit gänzlich anderen Lebensbedingungen. Entsprechend vielgestaltig etablierten sich hier Fauna und Flora.
Berühmt ist Hiddensees Dünenheide vor allem durch den Argus-Bläuling, ein seltener, blau schillernder Tagfalter, der auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Insekten steht und auf Hiddensee noch regelrecht massenhaft vorkommt. Hinter der Strandhaferdüne haben sich graue Rentierflechten, das Braune Schnabelried, Wollgras und Glockenheide ausgebreitet, zwischen denen Dünensandlaufkäfer leben, Grauflügelige Ödlandschrecken springen und Grabwespen Hohlräume für ihre Larven anlegen. Gleichzeitig prägen moosreiche Silbergrasflure die Landschaft, in denen man noch den fleischfressenden Sonnentau antrifft. Farbtupfer liefern das selten gewordene Sandknöpfchen, Doldiges Habichtskraut und Dünen-Veilchen.
Auch Ornithologen schätzen das Areal. In der sogenannten Kriechweide wächst zum Beispiel die Krähenbeere, von dessen Früchten sich der Regenbrachvogel auf seiner Herbstwanderung in die afrikanischen Überwinterungsgebiete ernährt. Auch den in Deutschland vom Aussterben bedrohten Steinschmätzer finde man hier, sagt Blindow. Zudem brüten Braunkehlchen und schätzungsweise 60 Grauammer-Paare in Hiddensees Dünenheide, so die Experten.
Bekannt ist die Heidelandschaft auf der kleinen Insel vor allem wegen ihres großen Bestandes an Kreuzottern, die in diesen Wochen wieder ihre Winterquartiere verlassen. Gäste sollten das Areal also nicht nur aus naturschutzrechtlichen Gründen meiden, sondern allein schon deshalb, um nicht von den Giftschlangen gebissen zu werden. Die Warnschilder stünden nicht zum Spaß an den Wegen, warnt Blindow.

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