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Das Sterben der Insel-Alleen

Dieser Baum war eindeutig krank und drohte wegen seines morschen Stammes irgendwann umzufallen.
Dieser Baum war eindeutig krank und drohte wegen seines morschen Stammes irgendwann umzufallen.

Im Mai ist der Verlust besonders schmerzhaft, besonders sichtbar. Wenn das erste zarte Grün Rügens Alleen in immer dichter werdende Tunnel verwandelt, kommen Urlauber schnell ins Schwärmen. Rügen ist der Anfangspunkt der Deutschen Alleenstraße, nirgendwo sonst finden sich auf engstem Raum so viele historische Alleen. 120 Jahre alte Linden, aber auch Rotbuchen, Kastanien, Eichen, Eschen sowie Berg und Spitzahorn säumen die Straßenzüge. Doch Rügens Alleen sind extrem gefährdet.

 

Das große Baumsterben begann vor 20 Jahren. Mehr als zwei Drittel der Straßenbäume auf Deutschlands größter Insel sind inzwischen über 70 Jahre alt. Mangelhafte Pflege, das enorm gestiegene Verkehrsaufkommen, Schädlingsbefall und vor allem der massive Einsatz von Streusalz im Winter machen den Bäumen schwer zu schaffen. Allein von 1990 bis 2008 mussten rund 4300 Alleebäume gefällt werden.
Immer häufiger fressen sich kreischende Kettensägen des Straßenbauamtes in die Stämme. In diesen Tagen hinterließen Gartenbau-Trupps wieder neue Lücken: 34 Bäume wurden entlang der Alten Bäderstraße zwischen Garz und Poseritz gefällt.

 

Baumpaten wie Henning von Nordheim von der Naturschutzakademie auf der Insel Vilm sind empört. Ohne Rücksicht auf Verluste werde an Rügens urwüchsigen Alleen gerodet. Oft werde kein Ersatz geschaffen. „Gerade an den Bundes- und Landesstraßen gibt es keine Neupflanzungen mehr.“ Und überhaupt: Eigentlich dürfe laut Bundesnaturschutzgesetz nach dem 1. März gar nicht mehr gefällt werden. Der Chef des zuständigen Straßenbauamtes Stralsund, Ralf Sendrowski, verteidigt die Fällaktion. Es habe Gefahr in Verzug bestanden. „Die Bäume drohten buchstäblich in den Verkehr zu fallen.“ Sendrowski verweist darauf, dass vor wenigen Jahren morsche Hainbuchen nach einem Unwetter reihenweise umgeknickt seien.

 

„JederBaum wurde im Sommer und im Winter von Baumwarten und Experten der Unteren Naturschutzbehörde untersucht“, sagt er. „In Fällen, in denen man sich nicht einig war, wurden Gutachten erstellt.“ Tatsächlich weisen die Stämme der allermeisten jetzt gekappten Alleebäume morsche Kerne und Hohlräume auf. Aber an den Straßenrändern sind auch Baumstümpfe zu sehen, die auf gesunde Bäume schließen könnten.

 

Waren die Baumfäller also doch ein wenig übereifrig? Wohl kaum, sagt Sendrowski. Denn es gebe auch Alleebäume, die voll belaubt und äußerlich noch gesund seien, im Wurzelbereich aber von einem Schadpilz befallen seien und beim nächsten Sturm samt Wurzelballen aus der Erde gerissen werden könnten. „Rügen Alleen sind schön, weil sie alt sind, im Schnitt 100 bis 140 Jahre. Aber das ist auch das Dilemma“.

 

An den engen und stark frequentierten Inselstraßen könne es kein überlanges Baumleben geben. Allein in diesem Frühjahr haben deshalb auf Rügen 374 Alleebäume fallen müssen, 81 davon an Kreisstraßen. Zuletzt konnten vor fünf Jahren in nennenswerte Lücken zwischen Bergen und Thurow, zwischen Gnies und Kartzitz, zwischen Maltzien und der Glewitzer Fähre sowie zwischen Serams und Sellin junge Bäume nachgesetzt werden. „Aber leider gleichen die Pflanzungen die Verluste nicht aus“, kritisiert Corinna Cwielag, Mecklenburg-Vorpommerns BUND-Landesgeschäftsführerin – die Geldmittel seien viel zu gering.

 

Zwar hatte Rügen – vorbildlich für andere Regionen – 2008 ein Alleenentwicklungskonzept erstellt, wonach pro Jahr wenigstens 50000 Euro für Neupflanzungen bereitgestellt werden. Doch diese Summe ist nach Ansicht von Umweltschützern viel zu gering. Außerdem lief das Konzept mit der Kreisgebietsreform aus. Ein Nachfolgebeschluss durch den Großkreis Vorpommern-Rügen steht bislang aus.

 

„Straßenbauämter schulden 10000 Bäume“ Jahr für Jahr werden in den vier Straßenbauämtern MVs jeweils mindestens 500 Alleebäume zu Fall gebracht. In der Regel werden in den Baumreihen keine neuen Bäumchen gepflanzt. Laut Alleenerlass dürfen Neupflanzungen nur in 3,5 bis 4,5 Metern Abstand zur Straße erfolgen. „Und das ist das Problem“, sagt Sendrowski. Für den Landerwerbder angrenzenden Flächenbei den Landwirten fehlten die Mittel.

 

BUND-Chefin Cwielag sieht das anders. Die Erfahrungen vor einigen Jahren auf Rügen hätten gezeigt, dass sehr wohl Neuanpflanzungen in der alten Baumreihe möglich seien. „Im Übrigen müssten die Ämter im Falle von Nichtausgleich in den Alleenfonds einzahlen. Das erfolgt aber nicht. Die Straßenbauämter haben inzwischen hohe Geld- und Pflanzschulden aufgetürmt.“

 

Die finanzielle Summe könne derzeit noch nicht benannt werden, sagt eine Sprecherin des Umweltministeriums. Nur so viel: Mittlerweile liege die Pflanzschuld der vier Straßenbauämter bei etwa 10000 Bäumen. Das Alleensterben auf Rügen wird weitergehen, fürchten Umweltschützer. Schon steht der nächste Fäll-Einsatz ins Haus: Im Zuge des B-96-Ausbaus sollen zwischen Ralswiek und Strüssendorf 112 Spitzahornbäume fallen. Die Genehmigung wurde vor einem Jahr erteilt. Mit einer Unterschriftenaktion haben mehr als 5000 Menschen dagegen protestiert.

 

„Die Fällung wird beginnen, sobald der Bund die Baugelder für den Streckenabschnitt freigibt“, kündigt Sendrowski an. Das Planfeststellungsverfahren sehe Neupflanzungen vor, deutlich mehr als 112 Bäumchen. Nur nicht an der B96, sondern unter anderem bei Schaprode im Inselwesten.

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