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„Denkmalschutz“ für alte Sorten statt Einheitsbrei

Zuerst die gute Nachricht: Die Kleingärtner landauf, landab müssen in Zukunft nicht befürchten, das beim Samentausch über den Gartenzaun die Handschellen klicken und eine europäische „Saatgutpolizei“ an der Gartenpforte klopft. Der EU-Verbraucher-Kommissar Tonio Borg hat nach einem Aufschrei in den Medien und im Internet zur neuen Saatgutverordnung aus Brüssel heftig zurückgerudert und erklärt, dass die neuen Regeln nur für „Professionelle“ gelten. Regionale Samentauschbörsen oder der Austausch von Saatgut mit dem Spartennachbarn scheint von der vereinheitlichenden Neuregelung des Saatgutmarktes in Europa nun doch ausgenommen. Im Hausgarten darf damit wohl weiter jeder seine alten, erprobten und geliebten Sorten hegen und pflegen.
Die EU-Verordnung zum Saatgut besteht seit 40 Jahren und das Saatgutrecht wird in den Mitgliedsländern recht unterschiedlich gehandhabt. Jetzt möchte die zuständige Kommission die Benutzung von Saatgut vereinheitlichen und neu regulieren. Doch kaum kamen erste Informationen über die Gesetzes-
initiative von Tonio Borg an die Öffentlichkeit, schon erhob sich eine starke Gegenbewegung – die „Wutbürger“ hinter dem Gartenzaun begehren auf. „Die Philosophie des Sortenrechtes stammt aus einer anderen Zeit“, sagt Theodor Fock, Professor für Agrarpolitik, Volkwirtschaftslehre und Umweltpolitik an der Hochschule Neubrandenburg. Zeiten, als es noch häufig Hungersnöte gab und die Ernährung des Volkes auch in Europa noch durch Staaten und Regierungen abgesichert werden musste.

Auch heute würde es nach seiner Auffassung noch Sinn machen, für große Sorten ein EU-weites Recht zu haben. So könnten diese vor Krankheiten und Resistenzen geschützt werden. Die Homogenität der landwirtschaftlich genutzten Sorten werde so auch in einem rechtlichen Rahmen gesichert. Doch für alte Landsorten sieht Fock durchaus die Gefahr einer Überregulierung.
Differenzierungen zwischen „wichtigen“ und Hobbysorten seien in dem Entwurf der Neuverordnung noch nicht recht auszumachen, meint Fock. Warum muss Europa hier überhaupt regeln, fragt sich der Landwirtschaftsexperte. Warum können nicht weiter nationale Regeln und Traditionen den Umgang mit den alten Sorten festlegen? Es gebe offenbar ein anderes öffentliches Interesse, als es von Brüssel mit dem Entwurf der Saatgutregelung widergespiegelt werde. In Österreich haben sich sogar nationale Politiker gegen die EU-Reglementierung stark gemacht. In anderen Ländern gingen Umweltverbände und Bio-Erzeuger auf die Barrikaden.
Der Vorwurf steht noch immer im Raum: Brüssel würde zu sehr auf die Lobbyisten der global agierenden Saatgutkonzerne hören und mit einer Neuregelung kleinen und nichtkommerziellen Saatgutzüchtern das Leben schwerer machen, wenn nicht gar die Wirtschaftsgrundlage entziehen.
„Natürlich fällt es den großen Zuchtbetrieben leichter, die Genehmigungsverfahren durchzustehen“, schätzt Theodor Fock ein. Marktwirtschaftlich seien solche Regeln allerdings nicht gerade, ist er überzeugt. Sie stehen Kundenwünschen entgegen und erdrücken kleine private Initiativen statt sie fördern. „Bürokratische Überregulierung steht hier gegen öffentliches Interesse“, interpretiert er die politische Situation. „Wir wollen Abwechslung auf den Tellern und brauchen auch in Zukunft eine genetische Vielfalt der Sorten“, sagt der Agrar-Wissenschaftler. Sein Vorschlag: Die Bundesregierung sollte ihre Förderung für den Erhalt alter Saatgutsorten und Nutztierrassen intensivieren. So würde der Gefahr entgegengewirkt, dass der genetische Pool der Nutzpflanzen schrumpft. Focks Meinung nach gehe es hier auch um eine kulturelle Frage, um eine Art „Denkmalschutz“ für alte Sorten. Und warum sollte der nicht bei Kleingärtnern und Hobbyzüchtern oder im Bio-Landbau angesiedelt sein?

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