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Günstig, limitiert und gemütlich

VonPeter Steinhauer

Auf der Mailänder Möbelmesse Salone Internazionale del Mobile haben die Hersteller vor allem nach neuen Verkaufskonzepten gesucht. Wohnlichkeit und Komfort sind wieder gefragt. Selbst Konstantin Grcic, der eigentlich Sperriges mag, entwirft nun Polstermöbel.

Mailand.Wer in diesen Tagen nach Italien reist, kommt am Thema Finanzkrise nicht vorbei. Der Binnenmarkt ist in den südeuropäischen Ländern zum Erliegen gekommen. Auf der Mailänder Möbel- und Designmesse Salone Internazionale del Mobile, die weltweit als trendbestimmend gilt, ging es deshalb nicht nur um Gestaltungstrends.
Die Designwirtschaft sucht nach Konzepten, um neue Käuferschichten zu erschließen. „Es reicht nicht mehr aus, innovative und qualitativ hochwertige Produkte anzubieten“, sagt Claudio Luti, Präsident der Messegesellschaft Cosmit. „Dafür ist der Wettbewerb einfach zu stark. Die Unternehmen müssen vor allem eine perfekte Strategie für den Verkauf entwickeln.“ In Zeiten des Internethandels ist der Preis ein wichtiges Instrument, um neue Kunden zu gewinnen. Auffallend viele Hersteller brachten deshalb in diesem Jahr Produkte auf den Markt, deren Preisniveau niedriger angesetzt ist. Fritz Hansen ist bekannt für die Fertigung teurer Design-Ikonen. Nun stellt das dänische Unternehmen mit dem „Ro“ einen Sessel des spanischen Designers Jamie Hayon vor, der für knapp unter 2000 Euro in den Handel
gehen soll.

Junge Leute mit
Freude an Mode im Visier
Der deutsche Hersteller e15 möchte den neuen Stuhl „This That Other“ von Stefan Diez für 250 Euro verkaufen. Das Designprodukt ist unkomplizierter konstruiert als die älteren Diez-Stühle von e15. Es lässt sich damit billiger fertigen. Das Unternehmen möchte so erstmals in den attraktiven Markt der Möbel für Hotels, Büros und öffentliche Bauten vorstoßen. Junge und Junggebliebene, die Freude an Mode und Kunst haben, stehen verstärkt im
Visier der Vermarkter. In diesem Jahr setzt sich in Mailand deshalb der Trend fort, dass viele
Designer im Alter von unter 40 Jahren den Markt erobern. Unter ihnen ist der 1984 geborene Benjamin Hubert, der bei seinen Sesseln „Cradle“ für Moroso und „Membrane“ für Classicon mit leichtem, transparentem Strickgewebe arbeitet.
Sehr präsent war auf dem Salone der 1981 geborene deutsche Designer Sebastian Herkner. Pulpo zeigt dessen Beistelltisch „Layer“ als Neuheit, Moroso den Stuhl „Bangoli“. Der Hersteller Very Wood aus Italien produziert Herkners neuen Lounger „Unan“. Luca Nichetto, geboren 1976, ist der wichtigste Vertreter dieser Designer-Generation in Italien. Die Ausstellung seiner in Kooperation mit dem Japaner Oki Sato entworfenen Produkte war einer der Höhepunkte der Mailänder Designfestspiele.
Neben der Verbreiterung der Käuferschichten sind Verknappung und Verlangsamung eine weitere Antwort auf sich verändernde Marktbedingungen. Das Konzept der „Slow-Brand“ verfolgt konsequent das japanische Unternehmen Maruni Wood Industries. „Wir wollen nicht so viele Produkte entwickeln“, erläutert Naoto Fukasawa, Kreativdirektor bei Maruni. In diesem Jahr ist nur eine Bank von Jasper Morrison und ein Klappstuhl von Fukasawa zum Programm hinzugekommen.

Das eigene Heim als
Rückzugsort in der Krise
Special Editions, Einzelstücke oder eine Produktion in kleiner Auflage etablieren sich seit einigen Jahren verstärkt auch im Konsumentenmarkt. Artek präsentierte in Mailand seinen Hocker von Alvar Aalto nun auch als Edition, gestaltet von Modemachern wie Comme de Garçons oder Mads Norgaard.
In Zeiten der Krise suchen die Menschen Sicherheit und Rückzug in den eigenen vier Wänden. Die gute alte Gemütlichkeit ist bei vielen Herstellern deshalb ein Thema. Man darf endlich wieder üppig dekorieren, und die Topfpflanze kehrt zurück. Schön in Szene gesetzt war dieser Trend von der Designerin Jeanette Altherr bei der Gestaltung des Messestandes von Arper. Das italienische Möbelunternehmen produziert neu auch Accessoires, Kissen – und macht so die kühle Designwelt ein wenig heimeliger.
Selbst Konstantin Grcic, der sonst großen Wert auf eine gewisse Sperrigkeit legt, arbeitet mit an der Ausweitung der Kuschelzone. Der Münchner hat für Magis mit der Produktserie „Traffic“ gleich eine ganze Kollektion von Sofas und Sesseln entworfen. „Eigentlich mag ich keine Polstermöbel“, entschuldigt sich Konstantin Grcic aber prompt.

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