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Ökostrom-Rekorde lassen die Preise steigen

Die Sonne geht an einem April-Abend hinter Windrädern unter: [KT_BU]Die Ökostrom-Branche meldet in Deutschland neue Rekorde [KT_CREDIT] Foto: Marius Becker
Die Sonne geht an einem April-Abend hinter Windrädern unter: [KT_BU]Die Ökostrom-Branche meldet in Deutschland neue Rekorde [KT_CREDIT] Foto: Marius Becker

VonRasmus Buchsteiner

Kaum ist der Frühling da, gibt es neue Rekorde bei der Erzeugung von Ökostrom. Doch während sich die Betreiber von Solar- und Windkraftanlagen über die hohe Produktion freuen können, müssen die Kunden wohl mehr bezahlen. Fakten und Hintergründe zu den neuen Rekordwerten.

Warum gibt es den neuen Rekordwert gerade jetzt?
Viel Wind und viel Sonne – der Frühling macht es möglich. Am Donnerstag waren Anlagen mit einer Leistung von 35900 Megawatt am Netz – was der Leistung von etwa 26 Atomkraftwerken entspricht. Der bisherige Höchstwert lag bei 32 600 Megawatt. Experten halten weitere Rekorde durchaus für möglich: Etwa, dass die Bundesrepublik Deutschland an einem nachfrageschwachen Sonn- oder Feiertag im Mai allein mit Ökostrom versorgt wird.

Wie sah der Energiemix in Deutschland bisher aus?
Knapp 45 Prozent des deutschen Stroms stammten im vergangenen Jahr aus Stein- oder Braunkohlekraftwerken. 16 Prozent des erzeugten Stroms steuerten die verbliebenen Atomkraftwerke bei. Etwa 22 Prozent entfielen auf die regenerativen Energien. Zum Vergleich: Am Donnerstag – dem jüngsten Rekord-Tag – belief sich der Ökostrom-Anteil zu Spitzenzeiten bereits auf mehr als 50 Prozent.

Was passiert mit dem Strom, für den sich am Ende kein Abnehmer findet?
Für Ökostrom gilt in Deutschland ein Einspeisevorrang. Überschüssiger Strom geht in den Export und wird über die Leipziger Strombörse vertrieben. Bei besonders großem Angebot sinken dort allerdings die Preise. Es gibt sogar Zeiten, in denen die Erzeuger draufzahlen müssen, damit ihr Strom abgenommen wird. „Negative Preise“ nennt sich dieser Effekt.
So kann es sich für Energieversorger etwa in Niederlanden mitunter rechnen, eigene Gaskraftwerke herunterzufahren und stattdessen Billig-Strom „made in germany“ zu importieren.

Geht die Energiewende vielleicht zu schnell voran?
Während die Ökoenergie boomt, kann Kohlestrom angesichts der niedrigen Preise für CO2-Zertifikate relativ günstig produziert werden.
Das Überangebot an Energie sorgt tendenziell für einen Preisverfall an den Strombörsen. Die Folge davon ist: Flexible Gaskraftwerke rentieren sich kaum noch, und immer mehr Erzeuger überdenken ihre Investitionspläne in diesem Bereich. Dabei würden Gaskraftwerke dringend benötigt, um als Reserveeinheiten einspringen zu können, wenn aufgrund der Wettlerlage gerade kein oder zu wenig Solar- oder Windstrom zur Verfügung steht.

Was bedeuten immer neue Ökostrom-Rekorde für die Verbraucher?
Es wird teurer. Je stärker der Börsenstrompreis sinkt, desto größer der Abstand zur garantierten Einspeisevergütung für Ökostrom-Produzenten. Diese Lücke wird über die sogenannte EGG-Umlage ausgeglichen, die Verbraucher zahlen müssen – Gesamtvolumen 20,4 Milliarden Euro in diesem Jahr. Zuletzt verdoppelte sich die Umlage auf 5,27 Cent je Kilowattstunde. Experten halten einen weiteren Anstieg auf sieben Cent oder mehr ab 2014 nicht mehr für ausgeschlossen. Politisch brisant ist bei dieser Thematik: Unmittelbar vor der Bundestagswahl im Herbst dieses Jahres dürfte sich dann genauer abzeichnen, wie stark die sogenannte EEG-Umlage ansteigen muss.

Was wird aus den Plänen der Bundesregierung für eine Strompreis-Bremse?
Das ist fraglich. Die Bundesregierung hatte vorgeschlagen, die EEG-Umlage einzufrieren.
Zur Gegenfinanzierung sollten Ökostrom-Produzenten und Industrie in einem Umfang von 1,8 Milliarden Euro zur Kasse gebeten werden – doch die Länder, die den Plänen im Bundesrat zustimmen müssten, erteilten der Regierung im März dieses Jahres eine Abfuhr.
Mit jedem Tag, der ohne Einigung vergeht, wird eine Lösung noch vor der Bundestagswahl unwahrscheinlicher. Forderungen nach einer Senkung der Stromsteuer losgelöst von anderen Maßnahmen zur Preisdämpfung hat die Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel bisher abgelehnt.

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