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Vom Pariser Metro-Star zur internationalen Karriere

Die Gänge der Pariser Metro sind bei Musikern sehr beliebt. Wer hier spielen möchte, muss bei einem Casting überzeugen. [KT_CREDIT] FOTO: dpa
Die Gänge der Pariser Metro sind bei Musikern sehr beliebt. Wer hier spielen möchte, muss bei einem Casting überzeugen. [KT_CREDIT] FOTO: dpa

Von unserer Korrespondentin
Birgit Holzer

Wer legal in den Gängen der U-Bahn der französischen Hauptstadt musizieren will, muss sich einem Casting stellen. Weil die Konkurrenz groß ist, zählen Qualität, Motivation und Originalität.

Paris.„Und eins! Und zwei! Und eins, zwei, drei!“ Kaum hat Ercan eingezählt, verwandelt sich ein kleiner Kellerraum in Paris zu einer bebenden Flamenco-Hölle. Zu kräftigen Percussion-Tönen spielen temperamentvolle Gitarren. Sänger Rafael Solo legt seine ganze Leidenschaft in seinen lautenden, klagenden Gesang. Er gibt alles – es ist seine Chance und die seiner Musikpartner Ercan Dursun und Luis Dávila Oria von der Band „Flamenco en Rama“, um künftig die Gänge der Pariser Metro aufzumischen.
Die sind mindestens so grau und kühl wie der Kellerraum, indem zweimal pro Jahr über mehrere Tage hinweg das Casting der Metro-Musiker stattfindet. Aber sie können ebenso Klang und Farbe erhalten durch Bands und Solo-Künstler, die sich an Knotenpunkten oder einfach irgendwo entlang der Flure aufstellen und spielen.
Doch wenn sie keine Strafe riskieren wollen, müssen sie sich um einen dieser begehrten Plätze bewerben. Seit
15 Jahren organisieren die Pariser Verkehrsbetriebe RATP regelmäßig Castings für die Auswahl der Künstler. „Damals hatten wir viele illegale Musiker, doch anstatt sie zu vertreiben, bauten wir eine Struktur auf, um sie bewusst auszuwählen und die Qualität zu erhöhen“, erzählt Antoine Naso, Jury-Chef und hauptverantwortlich für den Wettbewerb. Wurden damals 150 Musiker und Gruppen ausgesucht, sind es heute 300 aus insgesamt 2000 eingeladenen Bewerbern. Ein Drittel davon hat bereits in der Pariser Metro gespielt, doch die Erlaubnis muss alle sechs Monate erneuert werden. Sie gilt nur für die Gänge, nicht die Waggons: Wer dort spielt, tut es illegal.
Jede Gruppe darf zwei Lieder zum Besten geben und wird befragt über ihr Repertoire und ihre Motivation. Neben Antoine Naso und seiner Kollegin Stella Sainson setzt sich die Jury aus Angestellten der RATP zusammen: Wagenführer, Sicherheitspersonal und Büro-Mitarbeiter, die in einem Beurteilungsbogen die akustische und künstlerische Qualität festhalten.
Die Qualität der Darbietungen steigt ständig, sagt Antoine Naso: „Wir sind selbst überrascht.“ Oft handelt es sich um Profis, die von ihrer Musik leben. Doch ihre Haupt-Motivation sei nicht der Verdienst, sondern die Chance, ein großes und sehr gemischtes Publikum zu bekommen. Die Metro-Gänge können zu einem internationalen Sprungbrett werden – so war es bei der Chanson-Sängerin Zaz oder dem Bluesmann Keziah Jones.
„Wenn du in der Metro spielst, kannst du einfach du selbst sein", schwärmt Edash Ruata, der mit seiner Band „Blooz Trime“ eine Mischung aus Hip-Hop und Jazz darbietet. „Wir haben eine große Gabe zur Improvisation!“ In einigen Tagen bekommen sie Bescheid, ob sie diese in den Pariser U-Bahn-Gängen zur Geltung bringen dürfen als offiziell autorisierte „Musiciens du Métro“.

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