Februar 12, 2012
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Krim: Von den Mühen des Alltags

Die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer zwischen Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung

Strandleben
Strandleben
Foto: Simone F. Lucas
(srt)  

Die Krim ist die Côte d'Azur der Ukraine. Und dort bündelt sich Geschichte Osteuropas wie sonst nirgendwo. Deshalb wohl ist der Ministerpräsident der Krim, Vasil Dzharty, zuversichtlich, dass die Krim das Potenzial hat, zur Kulturhauptstadt zu werden. Die EU unterstützt die soziale und ökonomische Entwicklung der Halbinsel mit zwölf Millionen Euro. Und die Touristen kommen schon.

"Das ist doch vollkommen lächerlich" ereifert sich die zierliche Fremdenführerin und schüttelt empört den Kopf mit dem straffen blonden Pferdeschwanz. Wer sie so erregt hat, ist ein Mönch im Höhlenkloster von Bachtschissarai auf der Krim. Ausgerechnet der Pope, der über den Schlüssel zur Kirche verfügt, ist gerade "in geschäftlichen Dingen" unterwegs. Und so steht eine ganze Gruppe Engländer enttäuscht vor verschlossenen Türen. Doch die Herren Mönche haben ihre Rechnung ohne die energische Ludmilla gemacht. Sie setzt ihrem Gesprächspartner so zu, dass sich nach einer Viertelstunde Pope und Schlüssel einfinden und sich die Türe zum Heiligtum doch noch öffnet.

Das Kirchlein duckt sich fast unterwürfig in die mächtigen Felsen, die für diese Landschaft so typisch sind. Eine drastische Höllenszene am Eingang mahnt zum frommen Lebenswandel. Hinter einem Gitter versteckt sich die Ikone, derentwegen das Kloster überhaupt erbaut wurde. 20 Mönche leben heute in dem russisch-orthodoxen Kloster, auch junge Männer. Trotz aller Weltabgewandtheit gehören Handy und Laptop inzwischen zum klösterlichen Alltag wie "geschäftliche Angelegenheiten".

Doch an der Landschaft hier um Bachtschissarai, wo die Felsen aussehen wie monumentale Skulpturen und alte Frauen am Straßenrand Beeren und Honig feilbieten, scheint die Zeit kaum Spuren hinterlassen zu haben. In der alten Hauptstadt der Krimtartaren fallen die schlanken Minarette ins Auge. 300 Jahre lang war Bachtschissarai das Zentrum des Islam in der Ukraine. Im grandiosen Khanpalast, der maurische und russische Stilelemente vereinigt, ist die Tränenfontäne die von den meisten Besuchern umlagerte Sehenswürdigkeit. Alexander Puschkin, der große russische Dichter, hat dem Brunnen, der den Schmerz um eine tote Geliebte symbolisiert, ein berühmtes Gedicht gewidmet: "Die Fontäne von Bachtschissarai" - und damit wohl das Überleben dieses schönen Architekturerbes gesichert. Als auf Befehl Stalins 1944 alle Kulturdenkmäler der nach Sibirien deportierten Krim-Tartaren zerstört wurden, wagten sich die kommunistischen Bilderstürmer nicht an den von Puschkin verewigten Palast.

Inzwischen sind viele der Exil-Tartaren wieder zurück in ihrer Heimat. Seit 1988 haben sie die offizielle Erlaubnis dazu und seit der orangenen Revolution, die sie unterstützt haben, erhoffen sich die mehrheitlich sunnitischen Tartaren mehr Rechte. Überall auf der Krim stößt man auf kleine Holzhäuschen, kaum größer als Hundehütten, mit denen Tartarenfamilien ihren Anspruch auf Land anmelden. Das alles sieht die russische Mehrheit auf der Halbinsel mit Misstrauen. Die ukrainischen Russen würden die Krim am liebsten wieder unter den Rockschößen von Mütterchen Russland sehen.

Und Russland hat ja noch immer einen Stützpunkt auf der Kim - in Sewastopol, dem Sitz der Schwarzmeerflotte. 100 Millionen US-Dollar zahlt Russland jährlich an die Ukraine für die Stationierung seiner Flotte. Der Vertrag läuft eigentlich noch bis 2017, wurde aber vor einem Jahr um 25 Jahre verlängert. Russische und ukrainische Marinesoldaten schlendern an ihren freien Tagen fast einträchtig über die Uferpromenade. Im Freizeitpark gleich neben dem Panorama-Museum, wo ein gigantisches Rundbild die Schrecken des Krim-Krieges zum Leben erweckt, vergnügt sich ein Trüppchen Uniformierter kopfüber im Top Spin, wobei so manchen nach den vielen Auf und Abs das Lachen vergangen ist. Vor dem wuchtigen Heldendenkmal zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, in dem die Stadt fast völlig zerstört wurde und Tausende in einem Höhlensystem verbrannten, wo sie Schutz gesucht hatten, stehen Schüler und Schülerinnen als Ehrenwachen stramm. Im Park daneben fotografieren sich russische Marinesoldaten gegenseitig vor den Wasserspielen. Die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel. Wer denkt da noch an die Zeit, als Sewastopol eine sogenannte geschlossene Stadt war, abgeriegelt von der Außenwelt? Erst seit 1994 ist die nach dem Zweiten Weltkrieg in alter Schönheit wieder auferstandene "Heldenstadt" frei zugänglich.

Der "Mantel der Geschichte", den Altkanzler Kohl so gern zitierte, ist auf der Krim an allen Ecken zu spüren. Vor allem in Jalta, dem Ort der Krim-Konferenz, die den Zweiten Weltkrieg beendete. Im Liwadjia-Palast, der Sommerresidenz des letzten Zaren Nikolai II., teilten die damals mächtigsten Männer der Welt, US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Sowjet-Diktator Josef Stalin und der britische Premierminister Winston Churchill am Runden Tisch in sieben Tagen die Welt unter sich auf. Es ging um die schnelle Beendigung des Weltkrieges, um Besatzungszonen und Millionen-Reparationen.

Doch der erst 1911 aufwendig im Stil der italienischen Renaissance erbaute Weiße Palast erzählt auch eine andere Geschichte, die des letzten Zaren und seiner Familie. Von den Wänden im ersten Stock lächeln Nikolai II. und seine deutsche Frau Alix von Hessen-Darmstadt, die vier Töchter und der Zarewitsch Alexej. Sie alle wurden 1918 im Exil in Jekaterinburg erschossen. Dass der Palast heute Museum ist, sei, so erzählt es Fremdenführerin Tatjana, dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon zu verdanken, der die Stätte der Jalta-Konferenz sehen wollte.

Auch der Watergate-Präsident ist längst Geschichte, ebenso wie die Sowjetunion. Seit 1991 ist die Ukraine ein eigener Staat - mit eigenen Problemen. Doch auch die Blütenträume der orangenen Revolution sind verweht. "Man hat das alte System vernichtet und kein Neues geschaffen", sagt Tatjana verbittert. Die Ukrainer hätten die Nase voll von der Politik. Von der erhofften Aufholjagd an den Westen haben nur wenige profitiert, und die Weltwirtschaftskrise setzte auch den Oligarchen zu, die bis zu 70 Prozent ihrer Milliardenvermögen einbüßten. Von Milliarden können die normalen Menschen in der Ukraine nur träumen. Bei 400 Euro liegt der Durchschnittsverdienst, Tendenz sinkend. Dafür steigt die Arbeitslosenquote beinahe täglich. Die Wohnungen sind verhältnismäßig preiswert, und die meisten sind privatisiert. Nach der Wende konnten die Mieter ihre Wohnungen für wenig Geld erwerben. Nun sind sie für Erhalt und Instandsetzung verantwortlich - nicht aber für das große Ganze. Deshalb wirken viele der Plattenbauten wie vertikale Flickenteppiche und im ganzen ziemlich marode. Noch schlimmer als solche Wohnsilos verunzieren allerdings schnell hochgezogene Betonskelette die Gegend, die nie fertig gestellt wurden und jetzt als Bauruinen an eine kurzlebige Boomzeit erinnern.

Eines dieser Skelette steht direkt gegenüber dem Hotel Jalta, einem Betonbunker mit 2000 Betten, der hoch über dem Schwarzen Meer an einen gestrandeten Dampfer erinnert. Im Sommer ist das Hotel komplett ausgebucht, dann kommen vor allem die russischen Nachbarn in Scharen, um auf der Krim Sonne und Strand zu genießen, ganz in der Tradition der russischen Aristokraten und Dichter.

Anton Tschechow, der in einem Haus nahe Jalta - heute Museum - Heilung von seiner Lungentuberkulose suchte, würde sich freilich wundern, wenn er jetzt nach Jalta käme. Am öffentlichen Strand macht sich Souvenirkitsch breit wie überall in der Welt. Es gibt Bierkneipen, eine Sushi-Bar und eine Spielhölle. Aus einem Restaurant plärrt ukrainischer Pop, in den Edelboutiquen, wo Gucci, D & G und Prada in den Schaufenstern liegen, langweilen sich die bildschönen Verkäuferinnen. Über die Promenade stöckeln junge Frauen auf schwindelerregend hohen Bleistiftabsätzen. Eine Matrone trägt ihren Hund in der Handtasche spazieren, am Kiesel-Strand rösten halbnackte Frauen und Männer in der prallen Sonne. Hier zeigt man, was man hat und auch das, was man nicht hat. Deshalb haben wohl auch die mobilen Fotostudios großen Zulauf, wo man sich mal schnell in einen Aristokraten verwandeln kann, in eine Prinzessin oder den Zaren. Die Kutsche steht schon bereit und auch der Thron. Inszenierung ist alles. Auch nebenan am Motorrad-Stand, wo gerade ein tätowierter Mittfünfziger seinen dicken Bauch in eine Hells-Angels-Kluft zwängt.

Solch kleine Fluchten aus dem Alltag kann man sich beim Urlaub auf der Krim schon mal leisten. Und das ist auch bitter nötig, wie schon Tschechow wusste. "Eine Krise", sagte der Dichter, "kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag."

von Simone F. Lucas

Weitere Informationen:

Einreisen: Für die Einreise nach Jalta ist kein Visum erforderlich. Reisepass genügt. Er sollte allerdings noch ein halbes Jahr Gültigkeit haben.

Anreise: Sinferopol, die Hauptstadt der Ukraine, wird von mehreren deutschen Flughäfen angeflogen, u.a. von Ukraine International. Aktuelle Preise im Reisebüro oder im Internet etwa unter www.opodo.de.

Wohnen: Das Hotel Jalta ist das größte in und um Jalta mit 2000 Betten: hotel-yalta.com/de/. Es gibt in Jalta selbst auch noch kleinere Hotels und das Luxushotel Oreanda: www.hotel-oreanda.com.

Veranstalter: Weil die wenigsten Ukrainer Englisch oder gar Deutsch können, ist es sinnvoll, sich einem Veranstalter anzuvertrauen. Dertour ist einer der größten Veranstalter auf der Krim. Die achttägige Reise "Jalta - die Perle der Krim" wird auch von kleineren Unterveranstaltern gerne übernommen. Infos im Reisebüro oder unter www.dertour.de.

Party-Tipp: Das kaZantip-Festival im Juli und August in Popovka, 80 Kilometer westlich von Sinferopol gilt als der verrückteste, berauschendste, größte und längste Techno-, Trance- und House-Event der Welt. Auf einem 60000 Quadratmeter großen Areal sind zehn ausgefallene Openair-Clubs, 15 Bars und Lounges und drei Restaurants aufgebaut. Hier kann man direkt am Meer und unter freiem Himmel, Tag und Nacht, fünf bis sechs Wochen lang ausgelassen tanzen und feiern.

Infos: www.kazantip.de
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