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Vom Boot auf die rote Couch: Die Leiden eines Weltmeisters

VonDetlef Granzow

SCN-Kanute Paul Mittelstedt ist auf der Suche nach den Ursachen für einen rapiden Leistungsabfall im Training und Wettkampf. Ist es der Kopf oder der Körper?

Neubrandenburg.Fragen nach dem persönlichen Wohlbefinden stören ihn nicht. „Ich bin körperlich eigentlich gut drauf. Keiner weiß, woran es liegt, dass ich im Moment meine Leistung nicht bringe.“ SCN-Kanute Paul Mit-telstedt wirkt äußerlich gelassen. Dennoch nagt in ihm die Frage: Woran liegt es?
Bei der zweiten nationalen Ausscheidung nahm das Verhängnis seinen Lauf. Normalerweise hatte der Viererweltmeister von 2011 eine perfekte Ausgangslage für den Kampf um die Plätze in den Nationalmannschaftsbooten. Gemeinsam mit Max Hoff lag er in der Rangliste auf Platz eins. „Aber schon beim Einfahren in Duisburg habe ich gemerkt, da geht wenig. Klingt blöd, ich hatte mich gut gefühlt, aber ich konnte die Kraft einfach nicht auf das Wasser übertragen. Dann haben wir alles auf eine Karte gesetzt und gesagt: Ich fahre solange voll, wie es geht. Es ging nur 600 Meter“, erinnert sich Paul Mittelstedt. Der Zug Nationalmannschaft war in dem Moment abgefahren.

Eine neue Erfahrung für den Kanuten
Jetzt machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach den Ursachen. Ist es der Kopf oder der Körper? „Wir stellen alles auf den Prüfstand. Ich arbeite mit Sportmedizinern zusammen und mit Psychologen“, erzählt der gebürtige Sachse. Eine Vermutung ist, dass ein Verkehrsunfall im September 2011, der Paul die Olympischen Spiele in London kostete, psychisch nachwirken könnte. Es war auf der B96 unweit von Gransee, als ein Auto Mittelstedt, der mit dem Motorrad auf der Heimreise war, die Vorfahrt nahm – ein Schock, schwere Schulterverletzungen die Folge. „Diese Erfahrung zwischen Leben und Tod ist eine mögliche Ursache für seinen Leistungsabfall, wenn es in Grenzbereiche geht“, meint sein Trainer Jürgen Lickfett, der mit viel Verständnis helfen will, Mittelstedt wieder aufzubauen. Also geht es dieser Tage für den Kanuten oft vom Boot direkt auf die rote Couch beim Spezialisten für posttraumatische Folgen in Neustrelitz. Eine neue Erfahrung für Mittelstedt.
Aber ebenso gehen die sportmedizinischen Untersuchungen weiter. Stößt sein Körper in bestimmten Stresssituationen zu wenig Adrenalin aus?

Geduld ist Mittelstedts „Spezialstrecke“
Kopf oder Körper? „Wir müssen viel Geduld haben“, meint der Kajakfahrer selbst. Geduld. Das ist so etwas wie die „Spezialstrecke“ von
Paul Mittelstedt. Nach dem Verkehrsunfall brauchte er ganz viel davon – erst in der Reha, dann im Trainingsaufbau – damals ohne olympisches Happy End.
Jetzt also wieder Geduld. Die aktuelle Saison ist fast schon gelaufen. Wichtig ist, dass die verdammte Ursache gefunden wird, warum er auf dem Wasser den Turbo nicht mehr einschalten kann.Als Mitglied der Polizeisportgruppe spielen aber auch noch andere Dinge eine Rolle. „Es ist ja so, dass für mich alles vom Sport abhängt. Irgendwann werde ich einen speziellen Leistungstest erbringen müssen und dann werden Heimtrainer und Verantwortliche bei der Polizei entscheiden, ob ich eine Zukunft in der Sportfördergruppe habe“, weiß Mittelstedt zwar, dass er nicht ins Bodenlose fällt, seine Polizeiausbildung auch ohne Sport beenden kann. Aber die sportliche Karriere steht in diesen Tagen durchaus am Scheideweg. Paul Mittelstedt hofft auf einen guten Ausgang.
Denn noch glaubt er an seinen Traum – Rio de Janeiro, die Olympischen Spiele 2016. Und in dieser Saison möchte er vielleicht bei den Deutschen Meisterschaften noch ein „Ding“ raushauen und sich zurück in die Notizbücher der Bundestrainer bringen. Bis dahin heißt es, Geduld haben und die Motivation für das tägliche Training nicht verlieren. Das ist wahrlich nicht immer leicht, aber in Trainer Lickfett hat Mittelstedt einen guten Partner. Der sagt auch: „Da müssen wir jetzt gemeinsam durch. Die Signale, die Mediziner und Psychologen senden, machen uns Mut.“

Harte Stunde – der Weltcup nur im TV
Wenn heute Vormittag in Racice die 1000-m-Finals beim Kanu-Weltcup starten, wird Paul Mittelstedt den Wettkampf vor dem Fernseher verfolgen. „Klar wird mir das schwer fallen, ich wollte schließlich dort dabei sein. Da kommt vielleicht noch mal alles hoch“, erzählt Mittelstedt und ergänzt: „Natürlich drücke ich Martin Hollstein, Gordan Harbrecht und Erik Rebstock aus meiner Trainingsgruppe die Daumen. Die müssen unsere Fahne jetzt hoch halten.“
Für Mittelstedt geht es nach der Fernsehübertragung aufs Wasser zum Training. Und in ein paar Tagen wieder auf die rote Couch. Geduld braucht er. „Ich habe davon schon sehr viel gezeigt und hoffe, dass ich dafür irgendwann belohnt werde“, glaubt Mittelstedt ganz fest an einen guten Ausgang.
Er hätte ihn verdient.

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