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Bravo-Boy zeigt sich in Gala-Form

VonOliver Mucha

Er galt als eines der größten deutschen Handball-Talente, aber Michael Kraus hat sein Potenzial beim HSV Hamburg nie richtig abgerufen. Nun führt der 29-Jährige den HSV zum Champions-League-Sieg.

Köln.Als Michael Kraus mit der Goldmedaille um den Hals und einer riesigen Sektflasche in der Hand im Konfettiregen der Kölnarena stand, schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Sechs Jahre nach dem WM-Triumph mit der deutschen Nationalmannschaft an gleicher Stelle ist der 29-Jährige wieder auf dem Handball-Thron angekommen.
Die schwere Zeit dazwischen war für den ehemaligen Bravo-Boy in diesem Augenblick vergessen. Nach dem überraschenden Champions-League-Sieg mit dem HSV Hamburg brüllte Kraus seine Freude immer wieder heraus, bevor er sich in eine lange Partynacht verabschiedete. „Das gehört zu den schönsten Momenten in meinem Leben. Da ist jede Menge Genugtuung dabei“, sagte Kraus, der die hochgesteckten Erwartungen nach seinem kometenhaften Aufstieg bei der Heim-WM 2007 nur selten erfüllt hat. Verletzungen, Formkrisen und Disziplinlosigkeiten warfen den Spielmacher immer wieder zurück – auch nach seinem Wechsel 2010 aus dem beschaulichen Lemgo in die Weltstadt Hamburg. „Das erste Jahr war noch gut, danach war es schwer und lief unglücklich“, meinte Kraus, der nach dem 30:29 nach Verlängerung im Champions-League-Endspiel gegen den FC Barcelona seinen Frieden mit dem HSV geschlossn hatte: „Wenn das der Preis ist, den ich dafür zahlen musste, dann habe ich das sehr gern getan. Das war heute die Krönung, das ist so befreiend.“ Dabei sah es nach einem Happy-End dank Matchwinner Kraus zunächst gar nicht aus. Im Halbfinale gegen Titelverteidiger THW Kiel (39:33) schmorte der Mittelmann 60 Minuten auf der Bank, und auch die erste Halbzeit gegen den spanischen Meister (9:11) verfolgte „Mimi“ nur als Zuschauer. Doch mit Beginn der zweiten Spielhälfte schlug seine Stunde. Kraus erzielte sechs Treffer, glänzte als genialer Zuspieler und riss seine Teamkollegen immer wieder mit. Auch der frühere Welthandballer Nikola Karabatic verneigte sich. „Mimi Kraus – MVP!!“, twitterte der französische Superstar. HSV-Trainer Martin Schwalb und seine Mitspieler hatten Kraus schon nach dem Halbfinale gegen Kiel auf das große Endspiel eingeschworen. Die Kollegen seien zu ihm gekommen und hätten ihm gesagt, dass es sein Spiel werden würde, erzählte Kraus: „Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich auf mich verlassen können. Ich bin froh, dass ich sie nicht enttäuscht habe.“ Enttäuscht hat er in der Vergangenheit andere. Zwar gewann er mit dem HSV die deutsche Meisterschaft 2011, doch zum echten Führungsspieler avancierte er an der Elbe nie. Kraus stand sich immer wieder selber im Weg. „Mimi hat sein Talent nach 2007 regelrecht verschludert. Wenn ich überlege, wie viele gute Spiele er seither gemacht hat, brauche ich meine zweite Hand zum Zählen bestimmt nicht“, so Ex-Bundestrainer Heiner Brand.
Im Sommer kehrt Kraus ablösefrei zu seinen Wurzeln zurück. Bei Frisch Auf Göppingen, wo er bereits von 2002 bis 2007 spielte, hat er einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Dann soll auch die Nationalmannschaft wieder ein Thema werden. „Ich glaube, der Nationaltrainer baut da gerade etwas auf. Wenn ich dort reinpasse, ist es gut, wenn nicht, auch okay. Ich bin aber ein sehr stolzer Deutscher, und wenn der Trainer mich anruft, dann bin ich der Erste, der springt“, versicherte Kraus. Bundestrainer Martin Heuberger wartet die Entwicklung entspannt ab. „Die Tür ist nicht zu. Entscheidend ist, ob er konstant seine Leistung bringt“, sagte Heuberger zuletzt.

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