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Cappuccino-Radreisen statt Rennen

VonJohn Hennig

In den achtziger und neunziger Jahren war Olaf Ludwig der wohl erfolgreichste deutsche Radsportler. Erfolge feiert er auch heute noch, wenn auch in Rennen unter Legenden.

Leipzig/Zwenkau.Diesen Sieg hatte Olaf Ludwig nicht eingeplant. Mehr als 15 Jahre nach seinem Abschied vom aktiven Radsport triumphierte kürzlich der 53-jährige Geraer Hand in Hand mit der DDR-Radsport-Legende Wolfgang Lötzsch beim Legenden-Rennen bei den „neuseen classics – Rund um die Braunkohle“. Beide hatten sich aus dem 25 Mann starken Feld mit alten Weggefährten wie Jens Heppner, Steffen Wesemann oder Uwe Ampler ab- und durchgesetzt. Am Ende siegte auch der Ehrgeiz. Denn vor dem Rennen hatte Ludwig noch tief gestapelt. Er sei zwar noch jährlich 4000 Kilometer auf dem Rad, aber nicht mehr bei wirklichem Trainings- oder Renntempo.
„Es geht eher um die Freude am Radfahren“, sagt Ludwig. Seit vier Jahren veranstaltet er Radreisen für Freizeitfahrer, vor allem nach Osteuropa, etwa Bulgarien. Mit denen tritt er auch gerne noch bei Jedermannrennen an, „um ihnen die Angst vor dem Fahren in großen Gruppen zu nehmen“, erzählt Ludwig, der mittlerweile bei Aachen lebt. Insofern ist der Vater dreier erwachsener Kinder dem Radsport treugeblieben. Nach seiner aktiven Karriere war Ludwig zunächst Vizepräsident beim Bund Deutscher Radfahrer, wo er zwischen Aktiven und Funktionären vermitteln wollte. Später stieg er stetig beim Team T-Mobile bis zum Sportlichen Leiter auf. Doch die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes beendete 2006 abrupt seine Karriere. Vor der Tour de France wurde neben dem Spanier Oscar Sevilla auch der Tourmitfavorit Jan Ullrich ausgeschlossen, weil er Kontakt zu Fuentes gehabt haben soll. Für Teamleiter Ludwig war kurz darauf Schluss im Spitzensport. Nun also Radreisen mit „Cappuccino-Gruppen“, wie Ludwig sie wegen der Kaffeepausen und des gemütlicheren Tempos scherzhaft nennt. Im Juni begleitet er für einen Veranstalter eine Gruppe auf der Strecke des legendären Amstel Gold Race, das er 1992 gewann – die Tour wird von Jan Ullrich geleitet und heißt „Ulle & Friends“. Ludwig, der in seiner Karriere mehr als 300 Rennen gewann und auf einen Olympiasieg und zwei Triumphe bei der Internationalen Friedensfahrt zurückblickt, sieht seinen Radsport zwiegespalten. Die grundsätzliche Begeisterung, die sich etwa bei immer neuen Rekordzahlen bei Jedermannrennen ablesen lässt, helfe dem Spitzensport nicht: „Es gibt da kaum Quereinsteiger. Der Radsport muss über den Nachwuchsbereich wieder zu alter Stärke finden“, betont Ludwig und fügt hinzu: „Wir haben aber leider kaum noch Rennen im deutschen Raum.“ In seiner Heimatstadt Gera wurde Ludwig als Kind durch die Friedensfahrt vom Radsport infiziert. Doch diese ist verschwunden: „Wenn es die Rennen noch gäbe, würden auch die Leute kommen“, ist sich Ludwig sicher. Es fehle jungen Talenten an Vorbildern.
Dass der Radsport durch seine Dopingprobleme Sponsoren vergrault hat, gibt Ludwig zu, auch wenn er sich bei dem Thema wegen seines eigenen Abgangs beim Team T-Mobile vorsichtig äußert. Er wünsche sich eine „Gleichbehandlung“ in der Form, dass auch über andere Sportarten so kritisch berichtet werde wie über den Radsport.

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