Birgit Fischer plant Großes. Deutschlands Ausnahmekanutin entscheidet dieser Tage, ob sie an der Qualifikation für die Spiele in London teilnimmt – und das, obwohl sie am Sonnabend schon 50 Jahre alt wird.
Bollmannsruh.Die Enten sonnen sich auf den brüchigen Eisschollen auf dem Brandenburger Beetzsee. Hier zu paddeln ist sogar für eine Power-Frau wie Birgit Fischer kaum möglich. Das Training beschränkt sich auf den Kraftraum. Am Sonnabend ist aber erst einmal Party angesagt. Im Bungalow-Dorf neben der „Fischer-Hütte“ von Bollmannsruh geht dann die Post ab. Die Kanu-Queen feiert den 50. Geburtstag. Rund 100 Freunde und Bekannte erwartet die jung gebliebene Jubilarin. Es ist kein Witz, wenn sich die Gäste nach ihrer Form erkundigen und ihr viel Glück bei der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London wünschen. Birgit bleibt bei ihren Antwort allerdings vorsichtig: „Am 25. März muss die Meldung für die Qualifikationsrennen am 5. und 7. April abgegeben werden. Genau an diesem Tag entscheide ich: Starte ich oder nicht“, erklärt Fischer. Zu ihrem Geburtstag kehrte die achtmalige Olympiasiegerin übrigens aus Down Under zurück. „Wenn du Wassersport betreiben und ernsthaft trainieren willst, brauchst du Wärme. Deshalb war ich vom 1. Dezember bis jetzt nördlich des australischen Brisbane. Ich konnte bei herrlichem Wetter gut trainieren. Jetzt bin ich gespannt, was ich wirklich drauf habe“, schmunzelt Fischer. Kälte und Schnee schrecken die Frau allerdings auch nicht ab. Zweimal ging sie beim Winter-Mehrkampf am Yukon und im Polargebiet Kanadas an den Start. Birgit Fischer schüttelt sich ein bisschen, als fröstele sie: „Skilanglauf, Mountainbike, Halbmarathon und Hundeschlittenrennen gehörten dazu, und das alles bei minus 35, 40 Grad mit Übernachtung im Zelt.“ Wenn die 27-malige Weltmeisterin gesund bleibt und die Form stimmt, will sie auch mit 50 noch einmal unter den fünf bunten Ringen die Paddel wirbeln lassen. „Es wären meine siebten Olympischen Spiele. So ein Ziel lockt“, gesteht die Brandenburgerin. Sie könnte sogar einen Olympiastart mehr vorweisen, wenn die DDR 1984 die Spiele in Los Angeles nicht boykotiert hätte. Mit sechs Jahren setzte sie ihr mittlerweile verstorbener Vater Karl-Heinz in ein Kanu auf der Havel. Bis heute gehören die wackligen „Kunststoffschalen“ zu ihren beliebtesten Freizeit-Möbeln. „Nicht nur Freizeit. Ich bin zurück, weil ich meinen Geburtstag vorbereiten wollte und weil ich mit meiner Firma ‚Kanu-Fisch’ wieder Geld verdienen muss. Mit den Ausfahrten beginne ich erst Mitte April. Aber Vorträge und Lesungen aus meinem Buch stehen jetzt schon an“, sagt Birgit Fischer, die längst ihren Ehrenplatz in der „Hall of Fame“ des Sports hat. Sie war als Oberschülerin gerade 17 Jahre alt, als sie im Vierer-Kajak 1979 zu ihrem ersten Weltmeistertitel hechelte. Als 18-Jährige verblüffte sie die Konkurrenz 1980 auf dem Olympia-Kanal in Moskau Krylastkoje mit dem Sieg im Kajak-Einer. Mit riesigem Vorsprung schob sie den schmalen Kajak ins Ziel. Zwei Jahre darauf heiratete sie ihren Sportkameraden Jörg Schmidt. Der Hausherr musste stramm stehen, denn als NVA-Majorin war die junge Ehefrau mit Abstand die Dienstranghöchste der Familie. Elf Jahre zog sie mit Jörg Schmidt Seite an Seite durchs Leben, dann trennte sich das Paar. Wieder solo legte Birgit Fischer zu ihrem DHfK-Diplom an der Uni Potsdam noch die Lehrbefähigung dazu. Trotz Studium und Leistungssport, Kunst-Fotografie („Meine märkische Heimat“) und zahlreicher gesellschaftlicher Verpflichtungen schenkte sie als junge Frau mit Sohn Ole und Tochter Ulla zwei Kindern das Leben. Ole ist nunmehr 27 Jahre alt und arbeitet als Informatiker in Marburg. Ulla (21) studiert derzeit in Holland. Im Jahr 2000 durften beide Kinder mit der Mutti zu den Spielen nach Sydney. Für alle ein großes Erlebnis, obwohl die Kanu-Wettbewerbe fast dem Wind zum Opfer gefallen wären. Als die abschließenden fünf Kanu-Olympia- entscheidungen steigen sollten, fegten Böen bis zu 80 km/h über die Regattastrecke. Die Organisatoren wurden nervös, verschoben den Start um eine Stunde, dann auf zwölf Uhr. Der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch sprach gar von möglichen Nachtstarts unter Tiefstrahlern nach der Abschlussfeier. Nur eine blieb ruhig: Birgit Fischer. Sie focht der Trubel nicht an, gab aber zu: „Es ist schon eine hektische Situation. Du fährst dich warm, lauerst auf den Start und wirst vom Wasser gerufen. Du versuchst ein bisschen zu schlafen, wieder ist ein Start angesagt und wieder Fehlanzeige. Das alles ist nervig. Aber unser Sport findet nun einmal draußen statt. Also musst du mit dem Wetter fertig werden.“ Die Kanu-Königin, damals in Diensten des WSV Mannheim-Sandhofen, fand trotz Hektik sogar noch Zeit für Interviews. Plauderte hier ein bisschen, da ein bisschen. Und als dann für sie und Partnerin Katrin Wagner kurz vor 16 Uhr endlich der Startschuss knallte, da drehte die damals 38-Jährige ihre „Propeller“ auf Hochtouren. Weder Gegenwind noch hoher Wellengang konnte die „Gold-Fischerin“ bremsen. Mit sattem Vorsprung zischte der pinkfarbene Zweier ins Ziel. Olympiasieg Nummer sieben für die gebürtige Brandenburgerin. In der Medaillenwertung übernahm sie den Platz Nummer eins aller deutschen Olympiateilnehmer seit 1896. Sohn Ole, damals 14, und Ulla stürmten mit als erste Gratulanten heran. Der Sohn war stolz wie Bolle: „Unsere Mutti ist die Beste.“ Sydney war aber noch längst nicht das letzte Wort der „Queen Mum des Kanusports“. Bei den olympischen Kanu-Wettbewerben 2004 im griechischen Schinias schwante dem ungarischen Kanu-Präsidenten nichts Gutes: „Wenn meine Mädels die Fischer sehen, schnappt bei ihnen eine psychologische Sperre zu.“ So kam es dann auch. Als „schwarzes Torpedo“ schoss das deutsche Plastik-Kanu aus der Berliner „FES-Zauber-Werkstatt“ Hundertstel-Sekunden vor den Ungarinnen durchs Ziel. Das achte Gold für Birgit Fischer. War es das Letzte?