Durch die Kanalisation in den Westen:

Abenteuerliche Flucht durch den Berliner Untergrund

Im Demminer Land ist Professor Helmut Pratzel längst ein Begriff. Er hat in mitten in der Provinz ein Kulturzentrum aufgebaut und engagiert sich für ältere Menschen. Aus seinem bewegten Leben zwischen Ost und West erzählt er im Gespräch mit Georg Wagner.

In der Alten Schule Törpin hat Professor Helmut Pratzel ein Kulturzentrum geschaffen. Nach einem bewegten Leben hat er sich in der vorpommerschen Provinz niedergelassen.
Georg Wagner In der Alten Schule Törpin hat Professor Helmut Pratzel ein Kulturzentrum geschaffen. Nach einem bewegten Leben hat er sich in der vorpommerschen Provinz niedergelassen.

Herr Pratzel, Sie sind gewissermaßen ein Wanderer zwischen Ost und West. Wie haben Sie den 9. November erlebt?

Die DDR-Zeit ist lange her und ich bin froh, dass es so gekommen ist. Das war damals nicht zu erwarten. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls war ich in München, ich bin nicht nach Berlin gefahren. Aber es war schon ein besonderes Ereignis und ich kann die Menschen verstehen, die sich darüber gefreut haben.

Sie sind selbst im Osten aufgewachsen und dann aus der DDR geflohen. Was war der Auslöser dafür?

Ich bin geboren in Berlin, habe in Greifswald Chemie studiert und war dann Assistent in der Gerichtsmedizin, zudem Sektionsleiter im Segelclub der Universität. Als ich einmal zum Spaß auf dem Segelboot die Totenkopfflagge gehisst habe, wurde mir das als nationalsozialistische Propaganda ausgelegt. Deshalb wurde ich nach Berlin in die Produktion verfrachtet, dabei wollte ich eigentlich in die Forschung. Es war eine schwierige Situation. Als I-Tüpfelchen wurde dann auch noch die Mauer gebaut. Ich habe einige Dinge erlebt, die mich veranlasst haben, mich gegen die DDR zu wenden.

Was genau war das?

Vor allem habe ich erlebt, wie Leute zusammengeschlagen wurden. Da habe ich sofort an die SA gedacht. Wenn man dasselbe wieder sieht nur in anderen Uniformen, da muss einem doch die Galle hochkommen. Damals suchten Fluchthelfer Kontakte im Osten. Mein Cousin und ich haben uns bereit erklärt, Fluchthilfe zu leisten. Wir sind jede Nacht um Mitternacht los gegangen mit Feuerhaken unter dem Mantel, um Kanaldeckel hoch zu heben. Auf die Art habe ich ungefähr 120 Menschen in die Freiheit geholfen. Aber meine Frau war damals im sechsten Monat schwanger. Als ich mir vorstellte, was mit mir passieren könnte, habe ich mich zur Flucht entschlossen und wir sind durch die Kanalisation gegangen.

Wann war das?

Am 6. Oktober 1961.

Durch die Kanalisation zu fliehen, klingt ziemlich abenteuerlich. Wie haben Sie es empfunden?

Als Berliner habe ich mich gewundert, dass es das überhaupt gibt. Ich wusste nicht, wie es dort aussieht. Das habe ich erst erfahren, als wir unten waren. Dort lief natürlich Wasser und überall waren Ratten. Das Gewölbe war niedrig, man stieß mit dem Kopf dauernd gegen die von Fäkalien überzogene Decke. Das war schon unangenehm, aber in der Angst überwindet man Vieles. Wir mussten ganz vorsichtig laufen, denn wir durften ja keine Geräusche machen. Für ungefähr 700 Meter haben wir 90 Minuten gebraucht. In Westberlin wurden wir dann von Studenten und der Caritas empfangen, die haben uns geholfen. Ich hatte ja nur eine kleine Aktentasche mit Papieren dabei.

Wie ging es weiter?

Wegen meiner Fluchthelfertätigkeit wurde ich gleich vom BND und dem amerikanischen Geheimdienst übernommen. Da habe ich mich ganz wohl gefühlt. Beim Segeln hatte ich manches gesehen, zum Beispiel von den Küstenbefestigungen, das habe ich alles erzählt. Die Amerikaner haben mich dann gleich in die Bundesrepublik gebracht. Am 27. November 1961 hatte ich einen Arbeitsplatz an der Universität in München. Den habe ich festgehalten bis zum Schluss. Ich war in der Forschung, wurde verbeamtet, habe promoviert, mich habilitiert und wurde Präsident einer medizinischen Weltorganisation. Als solcher bin ich durch die ganze Welt gereist.

Hätten Sie sich das damals in der DDR träumen lassen?

Nein.

Wann sind Sie zum ersten Mal in den Osten zurückgekehrt?

Zunächst ging das nicht. Ich stand auf der Fahndungsliste, es gab einen Haftbefehl gegen mich. Der BND hat mich vor Reisen in den Osten gewarnt. Im Nachhinein wurde mir bekannt, dass mein Schwager IM war und von der Stasi den Auftrag hatte, mich in den Osten zu locken. Das hat ihn so stark bedrückt, dass er sich das Leben genommen hat. 1972 kam eine Amnestie. Da wagte ich es, Verwandte in Thüringen zu besuchen und später ein von mir entwickeltes, patentiertes Gerät auf der Leipziger Messe zu zeigen.

Sie stammen aus dem Osten, haben rund 40 Jahre in München gelebt und sind dann wieder in den Osten gezogen. Was ist Ihre Heimat?

Meine verstorbene Frau hätte es vermutlich anders gesagt, aber für mich ist Heimat dort, wo ich mich für meine Mitmenschen einsetze, nicht wo ich geboren bin.

Also jetzt in Törpin. Zurück gekommen sind Sie aber wohl nicht durch die Kanalisation, sondern über die Autobahn?

In der Regel bin ich die B 96 gefahren. Hier in Törpin lebe ich jetzt seit 1999.

Wie sind Sie auf den kleinen Ort gekommen?

Aufgrund meiner Bekanntheit im Kur- und Bäderwesen kam in den 90er-Jahren eine Organisation auf mich zu, die am Tollensesee einen Kur- und Erholungsort plante. Sie wollten mich als Projektanten, und ich habe die Chance gesehen, einen Kurort nach meinen Idealvorstellungen zu verwirklichen. Allerdings ist dieses Großprojekt aus finanziellen Gründen gescheitert, die Geldgeber sind abgesprungen. Ich selbst wollte mich zunächst am Tollensesee ansiedeln, aber meine Söhne stießen in der Zeitung auf eine Anzeige mit der ehemaligen Gaststätte in Törpin. Daran war alles marode. Ich dachte mir, da habe ich mit der Sanierung etwas zu tun, wenn ich in Pension bin. Wichtig für mich war ein Internet-Anschluss als Verbindung zur Welt.

Haben Sie die Wahl schon einmal bereut?

Nein. Zuerst dachte ich, dass ich ja notfalls wieder verkaufen könnte. Dann habe ich gemerkt, dass die Menschen mich wollten und mir gesagt, dass ich hier bleiben muss. Jetzt fühle ich mich hier zu Hause. Ich finde es schön in einem kleinen Ort, wo man jeden kennt und das Gefühl hat, dazu zu gehören.

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