Alte Gefährte(n):

Auf der Suche nach dem Echten

Man muss wohl ein bisschen verrückt sein. Mehr oder weniger. Auch eine gewisse Leidensfähigkeit hilft Eignern historischer Motorräder und Autos gewiss, nicht alles läuft immer gleich rund. Doch eben das macht wohl die neue Liebe zum alten Eisen auch hierzulande aus: Diese Gefährte sind noch echtes Handwerk, sie haben Seele und Charakter. Seltene Werte heutzutage.

Technik mit Seele: Beim Zweiradtreffen in Jürgenstorf war die Faszination greifbar, die von historischen Motorrädern aufgeht. In der Region wächst eine sehr lebendige Fan-Szene.
Thoralf Plath Technik mit Seele: Beim Zweiradtreffen in Jürgenstorf war die Faszination greifbar, die von historischen Motorrädern aufgeht. In der Region wächst eine sehr lebendige Fan-Szene.

Natürlich ist auch Gerhard Heise wieder da. Trotz seiner 78 Lenze hat er sich wieder auf den Weg gemacht von Gransee aus, diesmal auf einer Touren-Awo, Baujahr 58. Der Mann wird wie eine lebende Legende angesprochen an diesem Morgen auf dem alten Jürgenstorfer Gutshof, also ist er das wohl auch. Und wer ihm ein paar Minuten zuhört,verliert schnell den Überblick zwischen all den Awos, Bks und MZs, die er in seinem Leben schon aufgebaut und gefahren hat. Heise, nach eigenem Bekunden seit 50 Jahren Motorradfahrer, war mit seinen Schätzchen in Paris, in Oxford, in Odessa. Demnächst will er nach Kaliningrad und die halbe Ostsee hat er auch schon umrundet auf einer MZ. Heute also wieder Jürgenstorf. Zweites Zweiradtreffen am gleichnamigen Museum, das auf den sinnigen Namen „Radhaus“ hört.

Viele sind gekommen. Nicht dass das Treffen eine dieser großen Oldtimerpartys wäre, das soll so gar nicht sein. Doch sie ist auch hier förmlich greifbar, diese Begeisterung, die von den alten Bikes ausgeht, bei Publikum und Eignern. Wobei die Übergänge fließend sind. Aus dem Besitzer einer alten TS 250 „Strich eins“ ist zehn Meter weiter der staunende Bewunderer eines schwarzen NSU-Gespanns geworden. Mit dem ist Gert Stephan aus Lindenberg nach Jürgenstorf gekommen, die auf Hochglanz polierte Beiwagenmaschine, Baujahr 1932, ist die schönste Beute seiner „Oldtimerei“, wie er sagt. Infiziert hat ihn kurz nach der Wende besagte Gerhard Heise, der Granseer: „Wenn man dann einmal dabei ist, kommt man nicht mehr weg. Der Zusammenhalt in der Szene, die gemeinsame Leidenschaft für die alte Technik, das hat schon was.“

Ähnlich klingt es bei Peter Kaussow, aus Gnoien angereist. Der pensionierte Imker, 77 Jahre ist er alt, hat noch heute acht verschiedene Motorräder in der Garage, allesamt ostdeutsche Markenlegenden wie die Viergang-RT, Baujahr 1962. Jede Woche fährt er ein anderes Krad aus seinem Fuhrparks: „Die müssen ja auch alle mal bewegt werden.“ Dirk Kay aus Stavenhagen wäre auch schon gern mit dem Oldie da. Aber er schraubt noch dran: Ein betagter Berlin Roller SR 59, als Schrotthaufen via ebay aus Münster in den deutschen Nordosten zurückersteigert, soll im nächsten Jahr wieder rollen und glänzen wie aus dem Ei gepellt. „Das wird auch was“, sagt der gelernte Zweiradmechaniker. Warum er sich das antut? „In den alten Klassikern, da steckt noch Charakter, einfach was Echtes. Heute sieht doch alles gleich aus. Man guckt sich das über.“ Weil der Berlin-Roller bis ins Detail ein Original werden soll, sucht er jetzt noch nach einem Anhänger. „Die wurden nicht oft gebaut, es gab nur 4000 Stück, darum sind die heute extrem selten.“

Das sei das Schöne an dieser Szene der historischen Zweiräder, sagt Peter Steingraf, Chef des 38 Mitglieder zählenden Jürgenstorfer Oldtimervereins. „Was wir hier machen, das lebt und wird gelebt, das ist nicht einfach nur Fassade. Als die Wende kam, haben wir alle das Neue gewollt, da hatte doch keiner mehr einen Nerv für diese ollen Kisten. Heute entdecken wir die historische Technik wieder, vielleicht auch, weil sie für etwas Überschaubares, Wertiges und einfach unverwechselbares steht.“ Darum erleben alle Arten von rollenden Oldies so einen Boom in den letzten Jahren in der Region. Darum kommen Szenetreffen auf Zuschauerzahlen wie Rockkonzerte, ob beim Darguner Schaupflügen oder zur Parade alter Amischlitten.

Darum stellt die Demminer Feuerwehr ihre alte Technik aus, heben und restaurieren Oldtimervereine in Malchin und Loitz immer neue Schätze. Es ist, als sei man einer verlorenen Zeit auf der Spur. Und mancher hat sie wohl sogar wiedergefunden.

 

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