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Das Paradies liegt im Demminer Land

Großes Kino in der Großen Rosin: Die gefluteten Wiesen am Kummerower See verwandeln sich im Herbst in ein Wasservogel-Hotel. Bis zu 3000 Kraniche rasten dort! Bei Aalbude gibts einen Hochstand, von dem aus man dieses Naturparadies bestaunen kann.

Vor zehn Jahren waren dies noch grünes Land, dann stoppte der Naturschutz die Pumpwerke, die Wiesen liefen voll. Heute zählt die Große Rosin zu den Wasservogelparadiesen im nordostdeutschen Binnenland.
Thoralf Plath Vor zehn Jahren waren dies noch grünes Land, dann stoppte der Naturschutz die Pumpwerke, die Wiesen liefen voll. Heute zählt die Große Rosin zu den Wasservogelparadiesen im nordostdeutschen Binnenland.

Auf diese Idee muss man auch erst kommen. Frühmorgens auf einen Hochsitz klettern im einsamen Sonstwo zwischen Moor, See und Schilf, um dann fröstelnd und schweigend zu warten, dass irgendwann auch mal was zu sehen ist. Was noch dauern kann. Es ist vierzig Minuten vor Sonnenaufgang. Eine seltsame Stunde, nicht mehr der Nacht gehörend und noch nicht dem Tag.

Wolfgang Wiehle sagt kaum etwas. Der Naturpark-Chef hat sein tarnfarbenes Spezialfernglas auf das Stativ geschraubt und sucht jetzt die Lagune ab, an deren Rand der Hochsitz steht. Der riesige geflutete Polder wirkt im Dämmerlicht wie ein Standbild in Schwarzweiß, Nebelfetzen schweben über dem Wasser, graue Geister im Erlkönigland. "Die Kraniche wachen langsam auf", sagt Wiehle. In großen Gruppen stehen sie draußen im Flachwasser, dichtgedrängt, weit über tausend dürften es sein. Sie sind der Grund für das frühe Aufstehen, die Ankunft im Dunkeln. Sehen und selbst nicht stören dabei, altes Birdwatchermotto.

Großes Schauspiel

Eine Stunde später werden die Kraniche starten, plötzlich, wie einem geheimen Signal folgend, das nur sie verstehen. In langen Ketten und Keilen werden sie zu ihren Futterplätzen fliegen auf den Äckern und Wiesen in der Umgebung, laut trompetend dabei. Grruuh! Es ist das Schauspiel, das die Leute in den Dörfern am Kummerower See jeden Morgen aufblicken lässt jetzt im Herbst, am Bäckerauto in Meesiger, im Hof des Verchener Jugendhotels, bei den Biobauern von Sommersdorf. Die Kraniche ziehen. Großes Kino. Nur wenige Vögel rühren uns so an.

Die Große Rosin, jene gefluteten Polderwiesen am Westufer des Kummerower Sees, ist offenbar auf bestem Wege, zu einer der großen Kranichraststätten im nordostdeutschen Binnenland zu werden. Kraniche brauchen auf ihrem Zug sichere Schlafplätze, sie übernachten stehend im seichten Wasser, und die Rosin bietet beste Bedingungen als Wasservogelhotel an der großen Wanderstrecke runter in den Süden. "Vor fünf, sechs Jahren ging es los, da waren es vielleicht ein paar Dutzend", sagt Wiehle. "Inzwischen rasten in der Großen Rosin bis zu 3000 Kraniche. Schon beeindruckend." Der Job des Verwaltungschef im Naturpark Mecklenburgische Schweiz und Kummerower See zwingt den hageren Biologen zwar auch zu viel Büroarbeit. Doch in die Kranichlagune fährt er gern, und sei es vor oder nach Feierabend: "Hat sich toll entwickelt, dieses Gebiet. Die renaturierter Große Rosin wird immer mehr zu einem Hightligt in unserem Naturpark."

Bekassinen und Alpenstrandläufer sind auch da

Nicht nur der Kraniche wegen. Das amphibische Sumpfland der gefluteten Wiesen lockt Dutzende Wasservogelarten, von der winzigen Krickente bis zum Rothalstaucher, dessen Ruf klingt, als wiehere da ein alter Gaul im Moor. An den Schlickrändern stochern Bekassinen und Alpenstrandläufer nach Würmern, Energiereserven für den Weiterflug. Während Wolfgang Wiehle die Kraniche beobachtet, zählt er nebenher an die 20 Silberreiher - die eingewanderten Exoten wirken mit ihrem weißen Gefieder und dem wippenden Flug wie feine Damen in einem Dschungel-Camp.

Nicht jeder mag dieses Idyll

Kein Wunder, dass es mittlerweile Ornithologen aus ganz Deutschland herzieht, sogar aus Holland und der Schweiz standen schon Vogelkundler auf dem Aalbuder Hochstand und staunten in das große Geschnatter hinein. Biologe Wiehle will seine Naturpark-Perle darum jetzt richtig glänzen lassen, oder wie er es ausdrückt: besucherfreundlicher ausstatten. Eine mannshohe Beobachtungs-Plattform ist in Planung, sie soll nah an der Hauptstraße gebaut werden, eventuell auch bald noch ein weiterer Hochsitz. Alles mit Infotafeln bestückt darüber, was da so seltenes kreucht und fleucht in diesem Zurück-zur-Natur-Schutzgebiet. "Die Große Rosin passt bestens in unser Konzept, Natur zu schützen und zugleich erlebbar zu machen", sagt Wiehle.

Auch ihm dürfte klar sein: Den Streit um das Moorwiesen-Reservat am Westufer des Kummerower Sees wird naturtouristisches Marketing so bald nicht abmildern. Zu sehr haben sich Naturschutz und Renaturierungsgegner ineinander verbissen in den letzten Jahren hier. Was für die einen das Wiederherstellen ökologischer Balance, ist für die anderen Raubbau an landwirtschaftlicher Nutzfläche: Wo heute Kraniche rasten, grasten vor zwanzig Jahren noch Rinderherden. "Ihr lasst bestes Wiesenland absaufen für Eure Wildnisphantasien", schimpften nicht wenige in den Dörfern rings um Neukalen, als das Wasser zu steigen und faulen begann. Mitgenommen von jenen grünen Ideen, wie sie Naturpark-Chef Wolfgang Wiehlke vertritt, fühlt sich bis heute längst nicht jeder am See.