Mitglieder-Schwund:

Den Volksparteien geht das Parteivolk aus

Die Sau rauslassen. Weiter so. Das Wir entscheidet. Mit ihren Sprüchen sind sie groß, unsere Parteien. Hinter den markigen Worten aber klafft hierzulande die Leere: Kaum noch jemand will Mitglied werden.

Die Wählerstimmen für die großen Volksparteien sinken drastisch, auch in Demmin.
Thoralf Plath Die Wählerstimmen für die großen Volksparteien sinken drastisch, auch in Demmin.

„Die 99-Prozent-Zeiten sind vorbei“, sagt Hartmud Anner, „und das ist auch gut so.“ Mit jenen Zahlen freilich, die seine Mitgliederstatistik ausweist, wird der Geschäftsführer des CDU-Kreisverbandes kaum zufrieden sein. Exakt 1004 Köpfe zählt die Union derzeit in der Mecklenburgischen Seenplatte, rein tabellarisch sind das weniger als ein halbes Prozent der 246 000 Einwohner des Großkreises. Tendenz fallend. „Natürlich wünschte man sich eine andere Entwicklung“, räumt Anner ein. Die Partei stehe halt vor den gleichen Problemen wie die Gesellschaft insgesamt: Abwanderung, Überalterung. „Der demografische Wandel geht an uns nicht vorüber.“

Personalnot in allen Lagern

Klingt ziemlich ratlos, und mit dieser Stimmung ist der altgediente CDU-Funktionär nicht allein in der Politlandschaft der Region. Ob Christ- oder Sozialdemokraten, Linke oder Liberale: Personalnot in allen Lagern. Den Volksparteien geht das Volk aus. Noch nie in den 23 Jahren seit der Wende hin zu Freiheit und Demokratie waren hierzulande weniger Menschen Mitglied einer demokratischen Partei wie derzeit.

Drastisch sichtbar wird das Problem, schaut man sich die Mitgliederstatistik vor Ort an. Die Linke hat in Demmin nach eigenen Angaben noch rund 35 Mannen mit Parteibuch auf der Liste. Macht bei 11500 Einwohnern magere 0,3 Prozent. Volkspartei des Ostens? Wohl kaum noch. Kurz nach der Wende zählte die damalige PDS im Altkreis 450 Genossen. Knapp hundert sind es noch. Altersdurchschnitt: 60 plus.

Ortsverband der CDU-regierten Hansestadt zählt 36 Mitglieder

Ähnlich mau steht die Union da, der Ortsverband der CDU-regierten Hansestadt zählt nach Selbstauskunft derzeit 36 Mitglieder, inklusive Umland um die 75. Der Angelverein Demmin-West hat zehnmal so viele.

Für die FDP, von der Mannschaftsstärke her noch nie verwöhnt, halten in Demmin ganze zwei Liberale die freiheitliche Fahne hoch, im Altkreis sind es derzeit 18 Männer und Frauen. Zu Parteiversammlungen könnte Landesvize Ilona Rettig gut und gern in das Wartezimmer ihrer Neukalener Arztpraxis einladen. „Viele Leute ziehen sich ins Private zurück. Aber davon, nur am Kneipentisch über die Politik zu meckern, wird auch nichts besser“, moniert sie. „Gerade in unserer Region, die so gravierende Probleme hat, engagieren sich am wenigsten Leute in der Politik. Das ist nicht gut.“ Der letzte Neueintritt in die FDP ist zwei Jahre her.    

Verkommen die Parteien in der Region zu leblosen Hülsen, zur Fassade, hinter der am Ende eine Kaste von Berufspolitikern das Land regiert? Sollten wir uns nicht allmählich Sorgen machen um die Zukunft der Gesellschaft – angesichts der Macht, mit der Parteien ausgestattet sind, die kaum noch Mitglieder haben?