Zwischen Pommern und Mecklenburg:

Der lange Streit um die Grenze in Brudersdorf

In der Geschichte von Mecklenburg und Pommern gab es zu allen Zeiten Streitigkeiten über den gemeinsamen Grenzverlauf.

Oftmals ging es dabei nur um wenige Meter, etwa um einen Teich herum statt mitten durch ihn hindurch. So etwas ließ sich meistens schnell regeln. Doch es gab aber auch Grenzstreitigkeiten, die über Jahrhunderte keine Lösung fanden, wie zum Beispiel die des Kummerower Sees.

Auf vielen älteren Karten verlief die Grenze längs über den See und schied damit Pommern von Mecklenburg. Diese gedachte gerade Linie von Peene-Einfluss zu Peene-Ausfluss wird auf diesen Karten oft als "Streitige Grenze" angegeben. Die Festlegung des genauen Grenzverlaufes war in diesem Falle aber wichtig für die Fischerei. Der See ist mit elf Kilometern Länge und vier Kilometern Breite nicht gerade ein Teich, und die Fische aus dem See sollen sehr wohlschmeckend gewesen sein.

Einst "Dobimuisle" genannt

Eine besondere Stellung hatte in diesem Zusammenhang ein Dorf, etwa sechs Kilometer nördlich der kleinen Stadt Dargun - Brudersdorf. Die Geschichte dieses Dorfes ist sehr alt und beteiligt daran waren insbesondere Mecklenburg, Pommern und vor allem das Kloster Dargun. Die Abschriften einiger Urkunden im Mecklenburger Urkundenbuch berichten im 13. Jahrhundert über ein altes slawisches Dorf mit dem Namen Dobimuisle (von Dobimuisle = die Gutgesinnten). Das höchste Gericht im Dorf besaß zu jener Zeit die Familie Moltke. Einigen Besitz sowie Rechte verschiedener Art hatten die Ritterfamilien von Plöne und von Levetzow.

Bis dahin ist das eigentlich eine Geschichte, wie sie typisch war für die kleinen Dörfer in Mecklenburg und Pommern. Trotzdem änderte sich im 13. Jahrhundert einiges für das Dorf. Sechs Kilometer südlich waren nämlich Doberaner Zisterzienser Mönche dabei, 1209 das Kloster Dargun erneut zu gründen. Besonders unterstützt wurden sie dabei von den pommerschen Fürsten, die das Kloster mit etlichen Gütern sowie Privilegien ausstatteten.

In den nächsten Jahren wuchs mit dem Besitz des Klosters auch seine geistliche und weltliche Macht. 1232 hatte es bereits in drei seiner Gerichtsbarkeit unterstellten Ortschaften das Patronatsrecht - in Polchow, Kalen und Röcknitz. Sechs Jahre später tauchte in einer Urkunde zum ersten Mal statt Dobimuisle der deutsche Name Brodersdorp (Brudersdorf) auf. Am 9. März 1309 wurde die kleine Kapelle, die schon Bischof Berno dem Kloster überwiesen hatte und die eine Tochter der Röcknitzer Kirche war, zu einer selbstständigen Pfarrkirche erhoben. Die Mönche von Dargun legten dann unmittelbar an das alte Dorf eine neue deutsche Siedlung an.

Es ist anzunehmen, dass sie es waren, die, ausgehend von der Bedeutung "Zwillingsdorf", nun den Namen Brudersdorf wählten. Die alten Höfe des slawischen Dorfes wurden mit den neuen Häusern der deutschen Einwanderer so verbunden, dass sich beides wie ein Ring um die Kirche gruppierte. Da schon das alte Dorf an der Grenze lag, entstand jetzt ein zweigeteiltes Dorf, wovon ein Teil zu Pommern, der andere zu Mecklenburg gehörte, und das halb slawisch, halb deutsch war.

Clevere Zisterzienser

Brudersdorf hatte nun eine Sonderstellung. Trotz zeitweiser Eingriffe der pommerschen Herzöge konnten die Zisterzienser neben den geistlichen Rechten auch die Gerichtsbarkeit an sich ziehen. Zu den besonderen Fähigkeiten der Darguner Mönche gehörte es, ihren Besitz zwischen den konkurrierenden pommerschen und mecklenburgischen Fürstenhäusern zu wahren.

Da mitten durch das Dorf die Grenze beider Länder verlief, war Brudersdorf angesichts seines Doppelcharakters wie exterritoriales Gelände als Ort für Friedensschlüsse besonders geeignet. Hier wurde am 10. Juni 1315 der so genannte Brudersdorfer Frieden zwischen den brandenburgischen Markgrafen Waldemar und Johann und dem König Erich von Dänemark "wegen der die Stadt Stralsund und den Fürsten Wizlaw von Rügen betreffenden Angelegenheiten" geschlossen. Dreizehn Jahre später, nach Wizlaws Tod, regelten hier die Herzöge von Mecklenburg und Pommern die rügensche Erbfolge.

In den darauffolgenden Jahrhunderten gab es immer wieder Streitigkeiten über den Verlauf der Grenze durch Brudersdorf. 1591 wurde in Malchin der genaue Grenzverlauf von beiden Ländern festgeschrieben. Wenngleich auch dieser so genannte Grenzrezess existierte, trafen sich in dem geteilten Dorf auch danach noch Mecklenburger, Preußen, Pommern und Schweden - alle mit eigenen Ansichten und Ansprüchen.

Im Jahre 1766 hat man Brudersdorf eingehend vermessen und eine dementsprechende Karte angelegt. Diese nahm gut 100 Jahre später der Oberlanddrost (Landdroste:1822-1885 die Präsidenten der hannoveranischen Regierungsbezirke, d. A.) von Pressetin als Grundlage für seine Forschungen. Mit Hilfe verschiedener Akten, alter Pläne und Karten vom Amt Dargun konnte er die slawischen und deutschen Gehöfte genau bestimmen.

Verschiedene Hausmarken

Eine große Hilfe für Pressetin waren dabei die verschiedenen Hausmarken der einzelnen Besitzer - Zeichen, die in Hausbalken eingeschnitten oder eingebrannt, aber auch an Schränken und Truhen zu finden waren. Sie kennzeichneten Eigentum. So hatte zum Beispiel Bauer Behrend die Leiter und Bauer Schwarz die Mistforke als Hausmarke.

Das Ende des zweigeteilten Dorfes kam 1787. Der "Ungrund" wird vom königlichen Ministerium anerkannt und der mündliche Verzicht ausgesprochen. Die Handkarte des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin zeigt dann auch deutlich den neuen Grenzverlauf. Man zog die Grenze einfach etwas früher (bei Volksdorf) an die Trebel und schon gehörte Brudersdorf ganz zu Mecklenburg. Ein jahrhundertelanger Streit war zu Ende.

 

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