"Amoklauf" als Hilfeschrei?:

Mein Kind ist doch kein Verbrecher

Zwei Monate sind vergangen seit dem vermeintlichen Amoklauf eines Drittklässlers an der Grundschule Schönfeld. Der Fall machte Schlagzeilen – wie es dem Kind damit ging, fragte dann keiner mehr. Ein Hausbesuch. Und Worte, die nachdenklich machen.

Schule kann etwas ganz Wunderbares sein - aber auch das Gegenteil davon. Gewalt und Mobbing werden immer öfter zum Thema.
Thoralf Plath Schule kann etwas ganz Wunderbares sein - aber auch das Gegenteil davon. Gewalt und Mobbing werden immer öfter zum Thema.

Am Küchentisch fände beinahe eine Fußballmannschaft Platz. In der Wohnung von Daniela-Kathrin Z. fällt alles eine Nummer größer aus – sechs Kinder, da braucht es Möbel für Gemeinschaftsräume. Der kleine Henning sieht ein bisschen verloren aus, wie er da auf dem Stuhl neben seiner Mutter sitzt und aus dem Küchenfenster schaut. Am liebsten würde er raus. Aber draußen tobt ein Sturm, graue Regenschleier peitschen über die Dorfstraße.

Sommersdorf, ein Sonnabendnachmittag im Januar. Die kleine Welt am Kummerower See hat sich in warme Stuben zurückzogen. Henning Z., neun Jahre alt, blaues Kapuzenshirt, große ernst blickende Augen, schaut aus dem Fenster und würde so gern angeln gehen.

Heftige Debatte losgetreten

Gut zwei Monate ist es her, da machte der Junge Schlagzeilen. Sein „Amoklauf“ an der Schönfelder Grundschule brach erst in der Zeitung, dann auf der Facebook-Seite des Nordkurier eine heftige Debatte vom Zaun über vermeintliche und tatsächliche Gewalt an Schulen, über Mobbing und überforderte Lehrer, gestresste Schüler.

Es hagelte wütende Kommentare und hämische Ratschläge über und unter der Gürtellinie – manche warfen der Mutter Versagen vor und andere der Schule. Am Ende schoss sich der Schwarm auf die angebliche Sensationsgier der Medien ein. Wie es dem Jungen ging, fragte keiner. Sein Ausraster an jenem Tag, als die Schulleiterin sich genötigt sah, die Polizei zu rufen, überdeckte alles andere. Den Hilfeschrei dahinter hörten nur wenige.

Wie geht es dem Kind heute? „Er bekommt jetzt separaten Unterricht, von einer Sozialpädagogin, jeden Tag zwei Stunden“, sagt seine Mutter. Und dass sie ihren Sohn dafür nach Demmin bringen müsse, in die Tagesgruppe, auf eigene Rechnung. „Eigentlich sollte Henning für den Unterricht in Schönfeld bleiben, aber es gab dort keine personellen Möglichkeiten dafür. Ich verstehe das ja, aber für mich sind das Kosten. Was bei Hartz IV übrigbleibt, muss man wohl keinem erklären. Doch wie man klar kommt, fragt sich keiner.“

Daniela-Kathrin Z. ist tief frustriert, das klingt in vielen Sätzen durch, die sie sagt. Der mediale Wirbel, die Reaktion der Leute im Dorf und der Nachbarschaft, das hat sie getroffen. „Man wechselt jetzt die Straßenseite, im Bus gibts Getuschel, kaum einer grüßt zurück. Als hätten wir ’ne Krankheit. Die Leute kennen uns gar nicht, aber zerreißen sich das Maul. Andere Eltern verbieten ihren Kindern, mit meinem Sohn zu spielen. Er ist ja jetzt der Amokläufer. Das tut sehr weh, kann ich Ihnen sagen.“ Eigentlich wollte sie über das Thema nicht mehr reden, schon gar nicht mit der Presse. Dass dieses Gespräch überhaupt zustande kommt, hat gedauert. Am Ende stimmte sie doch zu. Für ihren Sohn, wie sie betont.

Für andere sind sie nur die Assis

Ihr Henning sei doch ein ganz normales Kind, sagt Daniela-Kathrin Z. „Er ist kein Engel, das will ich gar nicht behaupten, wie Jungs eben sind. Er hat da Mist gebaut in der Schule, auch wenn das alles eine Vorgeschichte hatte. Es war blanke Verzweiflung, darum ist er ausgerastet, in einer für ihn extremen Anspannung. Aber wie hieß es dann? Terror-Schüler. Können die, die solche Wörter in die Welt setzen, sich überhaupt vorstellen, wie das auf ein Kind wirkt? Der Junge hat das alles mitgekriegt.“

Jetzt, in der Tagesgruppe, gehe es ihm gut, sagt seine Mutter, gelernte Krankenschwester. Überhaupt findet sie viel Lob für das Jugendamt, den Schulrat, die sozialpädagogische Betreuung. „Da hat man wirklich das Gefühl, dass einem geholfen wird.“ Eine Dauerlösung sei die jetzige Situation sicher nicht. „Henning ist eigentlich gut in der Schule, nur eine Drei auf dem Zeugnis. Schulisch ist er jetzt unterfordert.“

Sie hat sich umgehört, könnte sich ihren Sohn in Loitz vorstellen, wo seit einem Jahr eine auf verhaltensauffällige Kinder spezialisierte Schule unterrichtet. Am liebsten hätte sie ihn wieder in der Demminer Zille-Schule. „Die Leiterin dort, Frau Sack, die kam super mit Henning klar. Sie hat so eine Art – klare Ansage, danach wieder freundlich – das passte.“ Dass der Junge schwierig sein kann, gibt sie zu. Aber an der Zille-Schule habe sich keine geeignete Klasse gefunden.

Aus Sommersdorf möchte die gebürtige Nordfriesin wieder weg. „Ich dachte eigentlich, hier kann man sich wohlfühlen, als wir hier vor einem Jahr ankamen. Aber für die Leute sind wir nur die Assis, jetzt erst recht. Klar, so eine Großfamilie, da wackeln auch mal die Wände. Wir sind ein bisschen ungewöhnlich. Aber manche tun, als wären wir Verbrecher.“

Angelschein steht auf der Wunschliste

Henning sitzt die ganze Zeit dabei und hört seine Mutter reden. Gefragt, was er sich denn selbst wünscht in diesem Jahr, sagt er zuerst nur: „Nicht wieder nach Schönfeld.“ Aber das sei nicht sein größter Wunsch, fügt er dann schnell hinzu, als würde der sonst nicht in Erfüllung gehen: „Dass ich einen Angelschein machen kann“. Blick zur Mutter hoch. Angeln ist seine Leidenschaft. Was er mal werden will, weiß der kleine Mann schon. „Fischer“, sagt er. Und seine ernsten Augen strahlen. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag.

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