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Vom Wendekind zur Weltmeisterin

Ines Tietböhl gehört zu der Generation, die in den chaotischen Wendejahren ins Berufsleben startete. Doch kein Hindernis konnte die Friseurin stoppen.

Friseur-Weltmeisterin Ines Tietböhl
Johanna Meyer-Gohde Friseur-Weltmeisterin Ines Tietböhl kennt keinen Feierabend. Auch abends empfängt sie noch Kunden.

Ines Tietböhl ist eine vielbeschäftigte Frau. Gerade jetzt am Monatsanfang sei ihr Terminplaner ständig ausgebucht, sagt sie. Erst gegen acht Uhr abends verlassen die letzten Kunden frisch frisiert ihr Friseurgeschäft in der Mühlenstraße, in der es schon aus ein paar Metern Entfernung nach Shampoo und Schaumfestiger duftet.

Als die Mauer fiel war Ines Tietböhl 16 Jahre alt und stand kurz vor dem Schulabschluss. „Es ging uns damals nicht schlecht“, sagt sie heute. „Ich hatte eine schöne Kindheit.“ Eigentlich wollte sie Lehrerin werden. Stattdessen begann sie aber eine Ausbildung zur Friseurin. „Das hat sich damals so ergeben“.

1990 war das, im Chaos der Wendezeit. Mit den staatlichen Produktionsgenossenschaften (PGH), unter die auch die Friseurbranche fiel, ging es damals den Bach runter. „Und die neuen privaten Betriebe haben dann nicht gleich fünf neue Lehrlinge auf einmal angestellt“, sagt Tietböhl. So musste sie während ihrer Ausbildung den Betrieb drei Mal wechseln. Zunächst lernte sie in Neubrandenburg, dann bei zwei unterschiedlichen Friseuren in Demmin. „Das war damals schon etwas holprig“, sagt sie. Klar habe auch sie überlegt in den Westen zu gehen, falls sie nach der Ausbildung keinen Job finden würde. „Aber irgendwie hat dann doch alles immer reibungslos geklappt“.

Ines Tietböhl ist genau das, was man zielstrebig nennt. „Ich war immer eine gute Schülerin. Und ich wusste: Wenn du etwas erreichen willst, musst du fleißig sein.“ 1997 machte sie ihren Meister und zwei Jahre später eröffnete sie im Alter von 26 Jahren ihren ersten eigenen Laden. Der befand sich in der Mühlenstraße, gleich neben dem Geschäft, das sie heute betreibt. „Ich war jung und unerfahren und wurde von vielen nicht für voll genommen“, erinnert sie sich. Aber es sei eine wichtige Erfahrung gewesen, ins kalte Wasser zu springen. Und es lohnte sich: 2004 „vergrößerte“ sie sich und zog in den Laden nebenan.

Andere hätten sich an diesem Punkt zufrieden zurückgelehnt. Aber nicht Ines Tietböhl. „Wenn eine Baustelle beendet ist, wird mir langweilig“, sagt sie. Deshalb fing sie an, für Wettbewerbe zu trainieren. Nach Feierabend übte sie neue Frisuren und an den Wochenenden reiste sie zum Training nach Frankfurt, München und Nürnberg. „Samstags, wenn der letzte Kunde weg war, setzte ich mich in den Zug“. Sieben-Tage-Woche.

Doch die harte Arbeit zahlte sich aus: Erst kam die Deutsche Friseur-Meisterschaft, dann die Europameisterschaft. Und dann, 2008, die Weltmeisterschaft in Chicago! Ines Tietböhl und ihr Team belegten den ersten Platz. Jetzt steht „Weltmeisterin“ auf ihrer Visitenkarte. „Wenn man weiß, was man will, dann klappt das auch“, meint sie. Sie habe nie aufgehört daran zu glauben, dass ihr die Welt offensteht.

Mit dem Trainieren für Meisterschaften ist zwar Schluss. Aber inzwischen trainiert sie nebenbei andere Friseure. Außerdem hat sie nach der Weltmeisterschaft ihr Geschäft umgebaut. Denn in Demmin will sie, trotz ihrer Ausflüge in die weite Welt, auf jeden Fall bleiben. „Ich bin kein Großstadtkind. Nach drei Tagen in der Stadt will ich zurück in die Pampa“, sagt sie. Die Situation vor Ort sei zwar nicht einfach, viele Geschäfte machen zu, die Innenstadt stirbt aus. Aber jemand wie Ines Tietböhl wächst an solchen Herausforderungen. „Das bringt einen dazu, immer in Bewegung zu bleiben.“